Author Archives: Lisseuse

Liebeskummer für einen Ort

Als ich zum Studium nach Göttingen gezogen bin, hatte ich das große Glück die für mich perfekte Wohnung zu finden. Eineinhalb Zimmer im Dachgeschoss einer Ostviertel-Villa. Tauben und Student*inn*en wohnen unter dem Dach. Sie war wie aus einem Studentenroman. Mit Dachschrägen und Kompromisslösungen, die sie überhaupt erst finanzierbar machten. Mein Badezimmer ging direkt in mein Schlafzimmer über und mein Waschbecken war auf dem Flur, der direkt ins Treppenhaus führte und wo auch die anderen Bewohner durch mussten um zum Wäscheboden zu kommen, aber das war egal. Ich hatte keine echte Küche, aber eine perfekte Lösung mit Minikitchen inklusive Backofen und Ceranplatten und Spülschüsseln, um im Waschbecken auf dem Flur mein Geschirr zu spülen. Mein Papa hatte mir das perfekt angepasste Küchenregal mit eingebautem Tisch geschreinert.

Durch die drei Fenster des großen Zimmers – Küche, Wohn- und Arbeitszimmer in einem – konnte ich direkt auf einen wunderschönen großen Garten und den Park blicken. Ich hatte die perfekte 30-Minuten-Spazierroute durch Park und Stadtwald, die nicht zu lange dauerte, um völlig aus meinen Gedankengängen zu fallen, aber meinen Kopf frei machte.

Im Sommer war es unter dem Dach fast zu heiß und im Winter konnte ich nicht ohne extra Pulli über den Flur von der Wohnarbeitsküche ins Schlafbad gehen ohne zu frieren. Dafür war der Weg in den Park mit eiskaltem Flusslauf nur ein Katzensprung und kuschelige Decken und warmer Kakao sind im Winter sowieso eine gute Lösung.

Ich hatte die liebste Nachbarin der Welt, bei der ich schon mal ein Ei leihen konnte und mit der zusammen ich ein Milchabo hatte. Und die immer für fünf Minuten oder auch eine Stunde Gespräch zwischen Tür und Angel bereit war. Und auch wenn mein Zimmer nicht groß war – acht Leute zur Teestunde passten doch gerade so rein und machten es erst so richtig gemütlich.

Mein Schlafzimmer war der perfekte Rückzugsort. Die Dachschrägen machten es zur kuschligen Höhle, die rote Wand tat ihr Übriges. Nur die Sterne konnte ich nicht durchs Dachfenster zu beobachten, dazu war es zu klein. Aber der prasselnde Regen darauf war oft genug meine beruhigende Einschlafmusik.

Aber am wichtigsten war doch: Es war mein Zuhause. Ich konnte allein sein, wenn ich wollte oder Freundinnen einladen, wenn ich Lust auf Gesellschaft hatte. Ich hatte mein Bett, meinen Schreibtisch und meine Küche an einem Ort. Meine Bücher waren da, wo ich war. Das Bad und die Küche waren MEINS. Auch wenn sie nicht perfekt und eher provisorisch waren. Nicht alle Möbel gehörten mir, aber die, die da standen, hätten genauso gut von mir ausgesucht sein können. Sie erinnerten mich an die Möbel zuhause bei meinen Eltern. Ich hatte einen gelben Teppich, eine blaue Decke über dem Sofa und Holzmöbel, die dass Zimmer warm machten. Vielleicht schien es so kleiner als mit weißen und schwarzen Möbeln und glänzendem Stahl, aber dafür war es nicht kalt und steril. Die Wohnung passte genau so, wie sie war, zu mir. Sie war praktisch und gemütlich, warm und kuschelig, klein aber fein. Sie konnte Kompromisse eingehen, die sich als hervorragende Lösungen herausstellten.

Anders als in der WG, in der ich jetzt arbeite, waren Dreck und Unordnung wenigstens mein Chaos. Anders als beim Wohnen bei meinem Freund, hatte ich selbst mir den Ort ausgesucht und eingerichtet. Ich hatte meine Plätze. Und die Dinge, die ich besaß, waren an einem Ort. Nichts hasse ich momentan so sehr, wie das Gefühl zwischen zwei Orten zerrissen zu sein, an keinem wirklich zu leben, nirgends zu 100 Prozent zuhause zu sein. Nichts vermisse ich immer und immer wieder so sehr wie diese erste eigene Wohnung, die meine war und das beste erwachsene zuhause, das ich mir vorstellen kann. Noch immer – weit über ein Jahr, nachdem ich ausziehen musste – ist diese Wohnung der Ort an den ich mich zurückwünsche, wenn es mir nicht gut geht.

Ich habe über ein Jahr gebraucht, um an dem Haus, in dem diese Wohnung war, wieder vorbei gehen zu können. Wenn ich länger an sie denke, fällt es mir immer noch schwer, nicht in Tränen auszubrechen. Ich glaube ich habe immer noch Liebeskummer nach dieser Wohnung.

Wissensorganisation

Vermutlich sammelt jeder während seiner Uni-Laufbahn eine Liste mit Dingen, die ich vor dem Studium hätte wissen sollen. Am aller meisten ärgere ich mich immer und immer wieder darüber, dass ich zwar eigentlich alle meine gelesenen Texte ordentlich abgeheftet und sortiert habe, aber dennoch meine Literaturdatenbank aus 7 Jahren Studium ein einziges Chaos ist.

Ich wünsche wirklich, jemand hätte mir im ersten Semester gesagt: Besuche einen Kurs, in dem du Literaturverwaltungsprogramme wie Citavi, Endnote oder Zotero kennen lernst. Trage jeden einzelnen Text, den du recherchierst, liest, scannst, nicht-liest in eines dieser Datenbankprogramme ein. Mit vollständigen Literaturangaben. Und Verschlagwortung. Am Besten auch noch mit einer Kurzzusammenfassung und einer Kurzbewertung. Das wird dir SEHR viel Zeit sparen, wenn du mal ne große Arbeit schreibst. Mach es immer sofort. Oder wenigstens wochenweise gebündelt. Nimm ein Datenbankprogramm, das mit deinem Textverarbeitungsprogramm spricht. Lerne am besten sofort LaTeX und BibTeX zu benutzen. (Das bringt dann auch wieder Probleme mit sich, aber wenigstens auf einer höheren Ebene.)

Das ist zwar etwas unfair, weil ich  feststelle, dass während meiner Studienzeit diese Programme deutlich an Verbreitung zugenommen haben. Aber so habe ich eben erst mitten während meiner Studienzeit damit angefangen, ein Viertel meiner Texte nie eingetragen, weil es eine unglaubliche Arbeit ist, die zwar unglaublich viel Konzentration erfordert, aber gleichzeitig unglaublich langweilig ist. Außerdem fehlt die Hälfte aller Literatur, die ich jemals recherchiert habe, was so viel verschwendete Arbeitszeit bedeutet, dass ich gar nicht drüber nachdenken mag. Ich habe während meines Studiums und für die Arbeiten, die ich geschrieben habe, unglaublich viel Literatur rezipiert und kann auf so viel nicht so zugreifen, wie ich es gerne wollte. Dass ich keine ordentliche Systematik in meinem Recherche- und Ablagesystem habe, führt auch dazu, dass ich dauernd Texte, die ich schon recherchiert habe, vergesse, übersehe und nicht rezipiere. Entsprechend ist die Literaturliste für meine Masterarbeit gerade nicht halb so ordentlich und umfassend und tiefgehend, wie ich es gerne hätte. Und folglich bin ich jedes Mal, wenn ich über das Kapitel zum Forschungsstand nachdenke, extrem unglücklich, weil es nicht so ist, wie ich es am liebsten hätte.

Was mir auch jemand hätte sagen sollen ist: Bennene alle Scanns einheitlich. Lege sie systematisch ab. (Und Systematisch bedeutet nicht, dass sie in irgendwelchen sub-sub-sub-Ordnern zu Seminaren liegen, sondern in einem Ordner mit allen Texten, die du je gelesen hast. Lass dein Verwaltungsprogramm darauf zugreifen. Aber verhindere, dass es jemals irgendwas aus diesem Ordner löschen darf. Schütze diesen Ordner mit allen Möglichkeiten, er ist dein Heiligtum, DEIN SCHATZ.

Bleibt mir nur, es in Zukunft besser zu machen. Vermutlich werde ich (falls das mit der Promotion klappt) in der nächsten Zeit noch genug Texte und Dokumente ansammeln. Und vielleicht werde ich an einem langen Winterabend mal meine gesammelten Texte systematisch sortieren und ablegen (das Dia-Projekt von Wissenschaftlern sozusagen).

Was ist die Idee von Europa?

Seit Wochen gibt es eigentlich nur noch zwei Themen in den Nachrichten: Brutalität von radikalen Klein- und Splittergruppen in der halben Welt und Flüchtlinge in Europa. Genauer betrachtet sind das natürlich nur die beiden Seiten des gleichen Problems. Denn die Flüchtlinge kommen ja gerade, weil sie zuhause solche Gewalt erleben müssen und von den radikalen Gruppen verfolgt werden. Imho gilt das nicht nur für Syrer. Seit etwa einer Woche kann ich morgens immerhin nicht mehr nur die Nachrichten von angezündeten Flüchtlingsunterkünften, auf der Flucht gestorbenen Menschen, Schleppern, Nazis, Rassisten, Brutlität, Gewalt, Zerstörung und Verderben lesen. Denn seit ein paar Tagen passieren Dinge, die mir wenigstens etwas Mut geben, dass die Menschen in Europa nach zwei brutalen Kriegen verstanden haben, dass sie Frieden nicht haben können, wenn sie Menschengruppen marginalisieren und ausgrenzen. Dass nicht Hass sondern Solidarität und Mitgefühl dazu führen, dass wir in einer besseren Gesellschaft leben können. Seit ein paar Tagen sind meine Nachrichten nicht mehr nur voll von Entsetzen und Hilflosigkeit und “warum tut denn niemand was” sondern voller Hilfs- und Schutzangeboten für Flüchtlinge. Natürlich sind die anderen Nachrichten auch noch da, aber ich habe doch wieder etwas Hoffnung geschöpft, dass die guten Menschen nicht nur in der Überzahl sind, sondern es doch einmal schaffen können, sich durch zu setzen.

Meiner Meinung nach gibt es in diesem Zusammenhang zwei wichtige Punkte: Zum einen sind da die Menschen, die sich vor Flüchtlingsunterkünfte stellen, wenn diese angegriffen werden; die Menschen, die Hilfsgüter sammeln und weitergeben wie beispielsweise vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin; die unglaubliche Zahl an Menschen, die in Wien die aus Budapest ankommenden Flüchtlinge begrüßt und versorgt. Und zum anderen sind da die Menschen, die öffentlich darüber reflektieren, wie es ist Flüchtling zu sein, die in unglaublich vielen Berichten daran erinnern, dass auch in Deutschland vor nicht all zu langer Zeit viele Menschen fliehen mussten, die darauf hin weisen, wie wichtig es ist menschlich zu bleiben und zu verstehen, dass es hier immer noch um Menschen geht. (Links zum Thema hat beispielsweise Maximilian Buddenbohm hierhier, hier und hier gesammelt. Ich weiß auch nicht wie es kommt, dass ich immer auf ihn verlinke, wenn es um informative Linksammlungen geht.) Diese beiden Gruppen zusammen (die Hilfsbereiten und die Nachdenklichen, wenn man so möchte) zeigen mir, dass es in Europa genug Menschen gibt, die sich mehr Menschlichkeit für alle wünschen. Die eine Idee von Europa haben, das mehr ist, als eine reine Wirtschaftsunion. Die für Hilfsbereitschaft, Solidarität und Für-einander-Einstehen sind.

Dem gegenüber stehen irgendwie die europäischen Politiker, die insgesamt den Eindruck vermitteln, in einer völligen Schockstarre gefangen zu sein. Die Angst zu haben scheinen, dass irgendetwas Schlimmes passiert, wenn sie anfangen zu handeln. Die darauf hoffen, dass abwarten oder gar blockieren etwas bringen könnte. @amina_you hat so zusammengefasst:

Tweet @aminayou

In einer Welt, in der jeden Tag Menschen so massiv bedroht, gefoltert und ermordet werden, ist es nicht verwunderlich, wenn die Menschen fliehen. Und natürlich fliehen sie nach Europa. Hier ist es sicher. Wir leben in der längsten Friedensperiode, die es hier je gab. Wir haben unglaublichen Wohlstand – auch wenn der manchmal ziemlich ungleich verteilt ist. Niemand wird irgendjemanden aufhalten können, hier her zu kommen. Zumindest nicht, solange die Menschen in ihrer Heimat keine Perspektive für sich mehr sehen. – Mir persönlich reichen die paar Albträume von Verfolgung, Bedrohung, Angst und Gefährdung, nach denen ich nicht mehr einschlafen konnte völlig aus, um Mitgefühl zu haben.

Die aktuellen Probleme – und dabei ist es egal, ob es sich um Flüchtlinge oder Schuldenprobleme handelt – können die europäischen Staaten meiner Meinung nach nur gemeinsam lösen. Wenn nicht die einen für die anderen einstehen, meinetwegen mit Murren, aber doch aus Solidarität, dann wird ein einiges Europa noch mehr zerbrechen anstatt weiter zusammen zu wachsen. Ich persönlich halte das für eine falsche und gefährliche Entwicklung. Deshalb glaube ich schon seit längerem, dass es wichtig ist, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Europa genug Gemeinsamkeiten hat, um zusammen zu halten. Ich meine beobachten zu können, dass die meisten normalen Menschen genug Solidarität für andere Europäer und für Flüchtlinge aufbringen. Ich denke, es gibt genug Menschen, die zwar einerseits über seltsame EU-Verordnungen murren, aber andererseits doch eine gemeinsame Währung und offene Grenzen praktisch finden. Und die vielleicht Verständnis dafür aufbringen könnten, dass für diese Freiheit auch notwendig ist, dass man eine gemeinsame Politik macht.

Mich wundert nicht, das in Budapest und Wien vor den Regelungen von Dublin II 1 kapituliert wird. Wie ungerecht ist diese Regelung, wo doch die meisten reichen europäischen Staaten keine EU-Außengrenzen haben, über die Flüchtlinge kommen. Und ich finde, es zeugt ganz deutlich von europäischer Solidarität, wenn Bürger in Wien, München und Dresden dafür sorgen, dass die Flüchtlinge willkommen geheißen werden, wenn sie anderswo nicht willkommen sind und die Politik vor solchen Problemen versagt.

Ich glaube, es wäre wünschenswert, wenn wir, die normalen Menschen, überall in Europa darüber nachdenken und öffentlich sprechen, warum wir für Solidarität und Mitgefühl sind. Wir sollten darüber schreiben, was unsere Idee von Europa ist, was wir von Europa erwarten und für Europa tun wollen. Ich wünschte es gäbe ein über-europäisches Medium. Ich möchte Berichte von belgischen, bulgarischen, dänischen, deutschen, estnischen, finnischen, französischen, griechischen, großbritannischen, irischen, italienischen, kroatischen, lettischen, litauischen, luxemburgischen, maltesischen, niederländischen, österreichischen, polnischen, portugiesischen, rumänischen, schwedischen, slowenischen, slowakischen, spanischen, tschechischen, ungarischen, zypriotischen Bürgern lesen. Ich möchte wissen, wie sie über die Europäische Union denken, wie sie leben, was sie fühlen, woran sie glauben, was sie brauchen und wie sie helfen können. Ich träume von einer Zeitung oder einem Blog, in dem diese Menschen schreiben können, in dem ihre Texte übersetzt werden – mindestens ins Englische, aber in meinem Traum in alle Sprachen der EU. Ich möchte, dass die europäische Vielstimmigkeit ein Forum bekommen kann. Eines, in dem diese Vielstimmigkeit positiv gesehen wird und als Vorteil. Möchte jemand mit mir ein solches Projekt aufziehen? Habt ihr Freunde im europäischen Ausland, die mitschreiben würden? Kennt ihr Leute, die Texte übersetzen können oder könnte es selbst? Wer kann eine Seite bauen? Wer sie hosten? Wer möchte sich an der Redaktion beteiligen?

Haben überhaupt andere Leute als ich Interesse an einer solchen Aktion?

  1. Flüchtlinge müssen im ersten sicheren Einreiseland Asyl beantragen

Eine Nähmaschine!!!

Das beste Geburtstagsgeschenk seit langem! (Es ist jetzt fast zwei Wochen her, aber sobald ich dran denke, dass ich jetzt eine eigene Nähmaschine habe, möchte ich noch immer Luftsprünge machen.)

Nähmaschine – verpackt. Ein super Geburtstagsgeschenk!

DANKE an Mama, Papa, Oma M., Opa M., Oma W., Opa W., Schwester, Bruder 1, Bruder 2, Freund. Ich hoffe euch ist klar, dass ihr zu Weihnachten alle selbstgenähte Textilien bekommt:)

Die schon erwähnte freie Zeit seit der Abgabe meiner Masterarbeit habe ich jedenfalls genutzt um fleißig zu nähen. Um die Nähmaschine erst mal kennen zu lernen habe ich mir zunächst was einfaches ausgesucht und eine Nackenrolle genäht.

Nackenrolle im Affendesing

Ich liebe ja bunte Stoffe! Und Farben. Und Muster. Solange ich mir selbst aussuchen kann, was drauf ist. Die Affen wären jetzt nicht meine erste Wahl gewesen, aber das Kissen ist ja auch nicht für mich <3.

Für mich ist dagegen eine Stiftrolle. Seit langem ärgere ich mich ständig darüber, dass ich meinen einen teuren Füller immer in einem Extrakästchen mit mir rumschleppe, weil ich nicht möchte, dass er in meinem Schlampermäppchen voller Kram zerkratzt. Aber irgendwie ist mir keine gute Lösung eingefallen. Dann stolperte ich bei der Suche nach Geburtstagsgeschenken auf Dawanda über hübsche Stiftrollen. Die Idee war zwar prinzipiell klasse, aber leider nutze ich normalerweise viel zu viele Stifte, um sie alle in einzelne Fächer zu packen. Und eine Rolle mit integriertem Mäppchen gab es nicht. (Inzwischen weiß ich auch warum.) Also dachte ich, naja, das muss doch ganz einfach gehen und habe ein Schnittmuster entworfen. Hübscher Stoff war auch schnell gefunden und das Produkt sieht so aus:

Stiftrolle, mit Schlampermäppchen und Extrafächern für Füller und Kleinkram

Stiftrolle geschlossen

Inzwischen weiß ich auch, warum es so was nicht zu kaufen gibt: Der Schlampermäppchenteil der Stiftrolle ist kaum zu nähen, weil man an alle Stellen nicht ordentlich hin kommt, nicht auf links (also von innen) arbeiten kann, da man dazu das Mäppchen umstülpen müsste, was wegen des langen Stoffteils aber nicht geht. Praktisch ist es trotzdem. Und ich liebe die Stoffkombinationen. Es passt perfekt zu mir!

Buddenbrook-Haus Lübeck

Das Museum ist so enttäuschend, dass ich kein einziges Foto gemacht habe. Das fängt damit an, dass das Haus leider schon von außen viel kleiner ist, als ich es mir vorgestellt habe. Im Eingang steht dann eine lebensgroße Figur von Thomas Mann, die ausgerechnet knallpink ist. Ich meine KNALL PINK. Thomas Mann. Man kommt dann zur Kasse, die gleichzeitig der Museumsshop ist. Dort habe ich sehr vermisst, dass die große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann nicht wenigstens in einem Exemplar vorhanden war. Natürlich ist die super teuer und kaum einer wird sie kaufen, aber warum sollte man irgendwas von Thomas Mann ohne Kommentar lesen wollen? Bildungsauftrag!

Im Erdgeschoss ist ein riesiger Raum, in dem die Familiengeschichte der Manns erzählt wird. Dazu gibt es vor allem Texte. Ein paar Fotos, Briefe, Bücher. In der Mitte eine Hörstation und an einer Stelle ein Film. Ansonsten aber Flachware. Der Raum ist nur interessant, wenn man sich noch NIE mit den Manns beschäftigt hat. Aber eine Mann-Biographie von Inge und Walter Jens ist informativer und spannender. Die beiden können nämlich gut schreiben.

Im ersten Stock ist ein Raum für die Sonderausstellung. Dort ist kein Licht angemacht, alle Installationen der Ausstellung haben nicht funktioniert, als wir da waren. Es sah aus, als könne man zwei Filme ansehen. Und ansonsten gibt es die Möglichkeit sich ein eigenes “Buch” mit Meertexten zu basteln, indem man einen Schnellhefter nimmt und sich einzelne Blätter mit Texten von der Wand nimmt. LANGWEILIG. Und ich lese eigentlich wirklich gerne. Aber soo langweilig.

Im zweiten Stock schließlich die Buddenbrook-Ausstellung. Dort sind das “Landschaftszimmer” und der Speisesaal nachgebaut. Aber auch hier: Thomas Manns Beschreibungen und die Nachgestaltung – was für ein trauriger Unterschied. Alles wirkt plötzlich viel kleiner und weniger reich als im Roman. Außerdem wirken die Räume irgendwie seltsam unbelebt und tot. Vermutlich vor allem deshalb, weil alle Möbel abgedeckt sind, als wären die Buddenbrooks gerade auf einer längeren Reise. Am spannendsten sind noch Zettelchen in den Räumen, die auf verschiedene Stellen des Romans verweisen. Ansonsten wird das Stockwerk vor allem von einer riesigen Bibliothek eingenommen, die man als normaler Besucher aber noch nicht mal betreten darf. Es gibt eine coole Station an der man verschiedene Film-Versionen des Romans vergleichen kann, die eingesetzte Technik ist allerdings leider ziemlich veraltet und nicht gerade selbsterklärend. An mehreren Steelen gibt es außerdem Hintergrundinformationen zu den Buddenbrooks. Aber wieder wird hauptsächlich Text gezeigt und ausgestellt.

Insgesamt hatte ich bei meinem Besuch den starken Eindruck, dass das Museum viele Chancen nicht nutzt. Meins Wissens ist das Buddenbrookhaus, das einzige Literaturmuseum in Deutschland, das einen Roman zum Gegenstand hat und nicht einen Autor. Leider kommt das nicht so sehr zur Geltung, wie es sollte. Zudem handelt es sich bei den Buddenbrooks auch noch um einen Roman, der mit äußerstem Detail die verschiedenen Räume, Orte und Personen beschreibt. Mit etwas Kreativität sollten doch passende Möbel, Kleidungsstücke, Dekoration, Geschirr, Bücher… zu beschaffen sein, die zeigen, wie die Buddenbrooks so leben. Mir steht die Familie viel zu wenig im Mittelpunkt. Die einzelnen Figuren werden nicht erklärt. Man könnte doch so einfach so tun, als wären die Buddenbrooks eine “reale” Familie. Und hätte viel weniger Probleme damit, dass die Museen immer nur eine Geschichte erzählen können, auch über reale Menschen. Denn man könnte einfach eine Geschichte nacherzählen. So viele typische Legitimationsprobleme für ein Museum wären nicht gegeben, wenn man einfach ein echtes Literaturmuseum machen würde und den Roman ausstellte!

Da das Museum bis 2018 renoviert werden soll, hoffe ich sehr, dass dann der Schwerpunkt stärker auf die Familie Buddenbrook gesetzt wird.

Lübeck

Am zweiten Tag meines Lübeck-Besuchs waren wir dann tatsächlich auch in Lübeck. Da meine Freundin dort her kommt, konnte sie mir unglaublich viel erzählen. Leider habe ich mir nicht mal ein Viertel aller Informationen merken können, aber ich mag es wirklich, wenn mir jemand die ganze Zeit etwas zu den Dingen erzählt, die ich gerade sehe.

Da sie etwas außerhalb der Stadt wohnt, sind wir erst 30 Minuten mit dem Rad in die Stadt gefahren. Bei wunderschönem Sommerwetter macht es richtig Spaß durch Wiesen und Felder zu fahren und sich am schönen Farbenspiel zu freuen, Kühe zu bestaunen und ein bisschen “Natur” zu sehen. In Lübeck waren wir zuerst am Dom, der einen Eingang hat, der “Paradies” heißt, weil die beiden Straßen die dorthin führen “Fegefeuer” und “Hölle” heißen. Der Dom hat ein wunderschönes modernes Fenster und einen tollen geschnitzen Altarraum. Ansonsten ist mir auch hier wieder aufgefallen, wie leer die gotischen Kirchenräume wirken.

Der Lübecker Dom vom Ententeich gesehen

Moderne Kirchenfester im Lübecker Dom

Das schöne an Lübeck ist ja, dass es überall Wasser gibt. Die eigentliche Altstadt ist sogar eine Insel, die zwischen Trave, Kanal und Wakenitz liegt. In der Folge gibt es überall wunderschöne Blicke über Wasser auf die Stadt. Am beliebtesten ist wohl der Malerwinkel:

Lübecker Malerwinkel an der Trave

Hübsch da. Die Wege sind alle neu angelegt und der Grünstreifen am Wasser ist ein wunderschöner Ort für kleine Pausen zwischendurch. Baden kann man besser im Krähenteich Ententeich (Update: ich wurde darauf hingewiesen, dass der Teich Ententeich heißt), wo es auch ein Schwimmbad gibt. Vom Malerwinkel ist es nur noch ein kleiner Sprung zum bekanntesten Lübecker Wahrzeichen, dem Holstentor. Irgendeine Informationstafel sagt, dass es an die Stadt Rom erinnern soll. Aber außer den Buchstaben S.P.Q.L (Senat Populusque Lübeck) haben wir keine Parallelen gefunden. Auch Wikipedia hat dabei nicht weiter geholfen. Ich hatte ja gehofft, dass irgendwie die sieben Hügel Roms architektonisch umgesetzt wurden oder bekannte römische Bauwerke zitiert werden. Das heute noch stehende Holstentor ist übrigens nur noch der Rest einer Wallanlage, die aus drei Toren bestand. Freundlicherweise hat die Stadt Lübeck Modelle für das äußere und das innere Holstentor aufgestellt, so dass man sehen kann, wie diese aussahen.

Blick auf das Holstentor

Wenn man von außerhalb auf das Tor zugeht, sieht man rechts und links zwei liegende Löwen, auf denen man hervorragend herumklettern und Quatsch machen kann. Ob die auch an Heinrich den Löwen erinnern sollen (so wie eine Löwenstatue im Dom) oder nur ganz allgemein für Macht stehen sollen ist nicht ganz klar. Heinrich der Löwe hat die Stadt Lübeck, wie so viele andere gegründet.1 Wenn man vom Holstentor zur Petrikirche geht, um dort auf den Kirchturm zu steigen, kann man sehr gut am Puppenmuseum des Lübecker Figurentheaters vorbei gehen und sich über den schönen Drachen am Eingang freuen.

Drache am Puppenmuseum

Die Petrikriche ist eine der vielen Norddeutschen Kirchen, die als Galerie oder sonstiger Raum genutzt wird. Entsprechend ist sie einfach nur weiß ausgemalt und innen relativ langweilig. Aber man soll ja auch die ausgestellte moderne Kunst ansehen. Vom Kirchturm aus hat man einen wundervollen Blick über die Stadt. Allerdings sollte man nicht ohne Teleobjektiv versuchen das Rathaus zu fotografieren. Irgendwie verdirbt das neue Gebäude von Peek&Cloppenburg das Bild.

Aussicht über Lübeck vom Turm der Petrikriche

Anschließend waren wir im Rathskeller Mittagessen. Dort gibt es lauter kleine Séparées, die bekannten Lübecker Persönlichkeiten gewidmet waren. Leider waren Thomas und Heinrich Mann schon besetzt, aber Erich Mühsam war noch frei.

Séparée im Rathskeller Lübeck

An der Wand hängen Bilder, sein Abschlusszeugnis, ein Lebenslauf und während der Wartezeit kann man Spass daran haben, das in Sütterlin ausgefüllte Zeugnis zu entziffern. Dass Essen im Rathskeller ist übrigens sehr gutbürgerlich, vielleicht hätte ich doch einfach Fisch essen sollen, anstatt Nudeln mit Pilz-Sahnesoße.

Danach waren wir in der Marienkirche, die wohl am besten erhalten ist. Um die Marienkirche ranken sich verschiedene Legenden. So erzählte mir meine Freundin beispielsweise, dass beim Bau der Kirche der Teufel vorbei kam und wissen wollte, was da gebaut würde. Die Bauherren antworteten, es sei ein Wirtshaus. Da das dem Teufel gefiel (Trunkenheit, Saus und Braus, Schlägereien, Wollust, Verderben!) half er beim Bau. Als das Gebäude aber immer größer wurde, merkte der Teufel, dass er hereingelegt worden war. Also nahm er einen großen Stein und versuchte ihn auf den Kirchenbau zu werfen, um ihn so zu zerstören. Zum Glück war der Stein aber zu schwer und fiel herunter, bevor er die Kirche treffen konnte. Heute erinnert eine kleine Bronze an diese Legende.

Teufel vor der Marienkirche Lübeck

Im Innenraum gibt es eine wunderschöne Decke. Ich liebe Kirchendecken. Ich gucke immer zu allererst nach oben. Und dann sehe ich nach der Orgel.

Decke der Marienkirche Lübeck

Außerdem gibt es in der Marienkirche eine astronomische Uhr, die wunderschön blau ist. Ich hätte sehr lange davor stehen bleiben und sie ansehen können. Sie zeigt die Uhrzeit, hat einen Kalender von 1911-2080, bildet die Mondphasen und die Tierkreise ab.

astronomische Uhr in der Marienkirche Lübeck

Anschließend waren wir ihm Buddenbrook-Haus, dazu gibt es morgen einen Extra-Beitrag.

Gegen die Enttäuschung nach dem Museumsbesuch gingen wir zu Niederegger. Die haben wundervolle Marzipanskulpturen in sämtlichen Schaufenstern. Außerdem haben sie auch ein eigenes Museum im 2. Stock, wo sie etwas über die Geschichte des Marzipans erzählen und einen Film zeigen, wie bei Niederegger Marzipan hergestellt wird. Es ist ein Firmenmuseum und entsprechend teuer ausgestattet und unkritisch, aber immerhin liebevoll gemacht. Besonders toll sind die lebensgroßen Marzipanfiguren.

Marzipanmodell der sieben Türme von Lübeck im Niedereggerschaufenster

 

Wir haben unsere Stadtführung mit einem Spaziergang durch die Straßen Lübecks und die “Gänge” beendet. Das abendliche Sommerlicht war perfekt für viele wunderschöne Fotos und ließen die Straßen ganz besonders idyllisch wirken. Die Gänge sind vollgebaute Hinterhöfe, in denen lauter kleine Häuschen stehen, die abgeschieden liegen, begrünt sind und doch den Vorteil haben mitten in der Stadt zu liegen.

Lübecker Backsteinhaus.

Straßenbild in Lübeck

Besonders faszinierend finde ich ja auch, dass norddeutsche Straßen immer irgendwie wirken, als könnte gleich im Hinterhof das Meer beginnen.

Lübeck ist jedenfalls eine wunderschöne Stadt, viel größer als ich gedacht hätte und an einem Tag kann man noch nicht mal 1/4 all der spannenden Sachen richtig ansehen. Es gäbe noch so viele Museen, Theater, Ausstellungen, die wir alle nicht angucken konnten!

  1. Da brauchen die Braunschweiger gar nicht so stolz auf “Unser Haanrich” zu sein. Der war außerdem immer noch Herzog von Sachsen und Bayern. Hmmm, was die Braunschweiger wohl sagen würden, wenn man ihnen erzählt, dass sie eigentlich Bayern oder gar Sachsen sind 🙂

Wismar

Meine Masterarbeit ist seit zwei Wochen endlich fertig und abgegeben. Die letzten paar Wochen zuvor war ich ja bereits nur noch damit beschäftigt den Text zu korrigieren. Tempus, Kommata, Unverständlichkeiten. Den “fertigen” Text habe ich noch etwa 5 Mal überarbeitet. Aber jetzt ist das Ding gebunden und bei den Prüferinnen.

Gebundene Masterarbeit

In der freien Zeit seitdem habe ich endlich mal wieder ein paar Entspannungs-Sachen gemacht. Zwischendrin hatte ich manchmal das Gefühl, dass ich gar nicht mehr weiß, wie Nichtstun geht. Gerade in der ersten Woche nach der Abgabe hatte ich permanent das Gefühl, dass ich noch irgendwas korrigieren, nachlesen, umstrukturieren und verbessern müsste.

Aber dann habe ich eine liebe Freundin in Lübeck besucht und hatte ein wundervolles Wochenende! Zuerst waren wir in Wismar. Da war gerade Schwedenfest und die Stadt sehr voll. Allerdings waren die Menschen nur direkt am Hafen, wo der Jahrmarkt war, und um den Marktplatz herum, wo die Stände fürs Schwedenfest aufgebaut war. Die übrigen Straßen waren ungewohnt leer, wenn man aus einer belebten Universitätsstadt wie Göttingen kommt. Zunächst haben wir die St. Nikolai-Kirche besichtigt. Die gotischen Backsteinkirchen im Norden bestechen ja alle durch ihre schönen hohen Säulen und das viele Licht, das in den Kirchenraum fällt. Leider sind sie alle nur ziemlich schlecht erhalten und werden teilweise gar nicht mehr als Kirchen genutzt. Die St. Georgenkirche wird beispielsweise nur noch als Mehrzweckgebäude für kulturelle Ereignisse genutzt. Für mich war das ziemlich ungewohnt. Sowohl in Bayern als auch in Göttingen gibt es jede Menge Kirchen, die alle noch zum Gottesdienst genutzt werden.

Der Kirchturm der Marienkirche

Die größte Attraktion Wismars ist wohl die Marienkirche. Diese wurde im 2. Weltkrieg zerbomt. In der DDR wurde das Kirchenschiff nicht wieder aufgebaut, sondern stattdessen ein Exerzierplatz an dieser Stelle errichtet. Der Kirchturm steht allerdings noch und kann heute noch besichtigt werden. Im Eingang und den beiden Seitenschiffen gibt es eine Ausstellung zur Geschichte des Turms und der Bauweise von gotischen Backsteinkirchen. Dabei wird auch mit der Illusion gespielt, dass das Kirchenschiff noch steht, indem an der Wand ein Druck des Kirchenschiffes inklusive Lichteinfall hängt. Mir gefällt sehr, dass diese Illusion auf dem Foto noch überzeugender wirkt als in echt.

Installation Marienkirche

Installation Marienkirche – an der Wand hängt ein Druck mit der “Aussicht ins Kirchenschiff”

Außerdem kann man einen lustigen 3D-Film zum Bau der Kirche ansehen und auf den Kirchturm steigen. Wir hatten wunderbares Wetter und eine tolle Sicht:

Aussicht von der Marienkirche auf den Marktplatz

Aussicht von der Marienkirche aufs Meer und den Rummel

Weil wir genau während des Umzugs zum Schwedenfest auf den Kirchturm gestiegen sind, haben wir außer zwei Stücken sehr leckeren Käsekuchens leider gar nicht so viel vom Fest mitbekommen. – Da ich allerdings Umzüge eh nicht so interessant finde, war das nicht so schlimm. Nur ein paar Leute in schwedischen Trachten konnten wir noch beobachten. Die sind schön farbenfroh und relativ schlicht. Ach ja, und die Drehorgel-Gruppe durften wir etwas hören. Erst beim zweiten Vorbeigehen ist mir übrigens auf, dass die Drehorgeln alle in Göttingen gebaut wurden. (OMG, die gibt es immer noch! Wie cool ist das denn!!)

Am Nachmittag sind wir auf die Insel Poel gefahren, haben uns dort an den Strand gesetzt und die Sonne, das Meer und den Wind genossen. Ein bisschen Stephen Fry lesen und Proviant naschen. Perfekter Nachmittag.

Meerblick auf der Insel Poel

Ich weiß auch nicht warum – schließlich komme ich aus einer Mittelgebirgsgegend ohne nennenswertes Wasser – aber am Strand am Meer sitzen hat einen ungemein beruhigenden und entspannenden Effekt auf mich. Da muss auch gar nichts weiter passieren, ich könnte da stunden- und tagelang einfach nur sitzen, den Wellen zuhören und nichts tun. Zwischendrin würde ich vielleicht mal meine Beine ins Wasser halten oder gar ein paar Züge schwimmen.

Rezension: The Invisible Library

“The Invisible Library” ist eine Detective Story mit Fantasy-Elementen. Und diese Formulierung hat mich gerade zum ersten mal darauf gebracht, dass das vielleicht meine Lieblingsliteraturform ist. Ich liebe Detektivgeschichten, bei denen der Fall durch gute Recherche, hervorragende Beobachtungsgabe und vor allem durch die Intelligenz des Detektivs gelöst wird. Sherlock Holmes, Miss Marple, Flavia de Luce, you name it. Und ich liebe Fantasy: besonders Zauberer, Magie und Drachen. Wenn alles gut geht, haben die Drachen Magie und können sprechen, ich glaube wer so ‘ne Geschichte schreibt, der hat mich. Auch gut ist es immer, wenn Literatur selbstreflektiert ist und ironisch kommentiert, wie sie gemacht ist.

Also muss mir ein Roman der in einer Welt spielt, in der “Die Bibliothek”  die wichtigste Institution ist, von der aus Agenten in alternative Universen geschickt werden, um dort einmalige und einzigartige Bücher zu suchen und zurück zur Bibliothek zu bringen. Alternative Universen haben alle die gleichen Naturgesetze unterscheiden sich aber dadurch, dass bestimmte Ereignisse anders entschieden werden. Außerdem gibt es in manchen Universen Magie und manche Universen sind durch die Gefahr des “Chaos” bedroht.

Das Buch beginnt damit, dass die Hauptfigur Irene die Mission nach einem Buch erfolgreich beendet und ermöglicht es den Lesern so, Grundlegendes über die Hauptfigur und die Struktur der Welt im Buch zu erfahren. Gleich nach ihrer Rückkehr wird Irene jedoch – zusammen mit einem Gehilfen, an dem irgendetwas seltsam zu sein scheint – wieder los geschickt, ein besonderes Buch zu suchen, anstatt wie üblich etwas Erholungszeit in der riesigen Bibliothek zu bekommen.

Der Untertitel des Buches lautet: “One spy. One dangerous book. One deadly mission.” Und diese beginnt nun für Irene und ihren Begleiter Kai. Sie werden in eines der vielen parallelen London geschickt, die es in diesem Buch gibt, um dort eine besondere Ausgabe von Grimms “Kinder- und Hausmärchen” zu suchen. Dabei befreunden sie sich mit dem lokalen Detektiven Vale; sie geraten in Konflikt mit einer anderen Bibliotheks-Agentin Bradamant (alle Agenten und Agentinnen tragen Codenamen aus dem literarischen Kanon. Bradamant ist eine Heldenfigur aus einem Epos); sie treffen auf mächtige Feenwesen; und sie werden von Alberich bedroht, einem ehemaligen Bibliotheks-Agenten, um den sich viele Legenden ranken.

Für beinahe den gesamten Band gilt, dass der Plot insgesamt etwas mehr Tempo haben und präziser erzählt sein könnte, aber es ist Debutroman von Cogman. Außerdem schafft der Band es gerade am Ende einen völlig neuen Spannungsbogen zu eröffnen, der allen Figuren eine neue Perspektive gibt und gespannt auf den Folgeband macht.

“The invisible Library” von Genevieve Cogman habe ich als eBook für 0,99€ gelesen.

Vollgas

Das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim ist für mich einer der Orte, die ich mit ganz starken Kindheitserinnerungen verbinde. Wir waren oft dort, hatten zwischenzeitlich auch mal eine Jahreskarte. Ich kann mich an heiße Sommertage zwischen den Feldern und Fachwerkäusern des Museums erinnern, an Apfelschnitze aus Tupperdosen und gutes fränkisches Bauernbrot und an die Geschichten, die über das Leben in den Häusern erzählt wurden.

Inzwischen hat das Museum ein umfassendes Marketingkonzept, das ein ganzjähriges Unterhaltungsprogramm einschließt. Dazu gehört beispielsweise auch, dass in den Sommermonaten ein Freilichttheaterstück aufgefürt wird.

Die "Bühne" des Theaterstücks "Vollgas" im Freilandmuseum Bad Windsheim

Die “Bühne” des Theaterstücks “Vollgas” im Freilandmuseum Bad Windsheim

Dieses Jahr wird das Stück “Vollgas” gespielt. Das Stück dreht sich nicht nur, um zwei Bankräuber und ihre Geisel, die versuchen dem Stau auf der Autobahn zu entkommen, indem sie über die Dörfer fahren, sondern auch um die vielen anderen Autofahrer, die so dem Urlaubsverkehr entgehen wollen und im Dorf Schaffenrath steckenbleiben, weil dort die einzige Brücke zerstört ist. In der Folge verkeilen sich die 16 Fahrzeuge bis keiner mehr vor oder zurück kann. Die  Haupthandlung bildet die Geschichte der Bankräuber und ihr Versuch zu entkommen, die Geisel Angelika irgendwie unauffällig los zu werden und nicht vom Obergangster Franz Xaver Kiesgruber (der einzige Bayer unter all den Franken!) oder der Polizei geschnappt zu werden. Daneben dürfen aber auch alle anderen im Stau steckenden ihre Geschichte spielen: Ein Ehepaar, das sich über dem neugeborenen Kind fremd geworden ist, ein Schauspieler mit Sinnkrise und sinkendem Stern, eine Psychotherapeutin auf der Suche nach Patienten, drei Teenager auf dem Weg zu einem Rockkonzert, die Pazifistin Hanne, die sich prompt in den Pfarrer des Örtchens verliebt. Sie alle treffen nicht nur auf den Pfarrer, sondern auch die etwas einfältige Bäuerin Andrea Sorg und das Bürgermeisterehepaar.

Autos im "Stau" bilden die Kulisse für "Vollgas"

Autos im “Stau” bilden die Kulisse für “Vollgas”

Die Autos blockieren den Hof der Bäuerin Andrea Sorg

Die Autos blockieren den Hof der Bäuerin Andrea Sorg

Das Stück wirkt ein wenig, wie ein “Roadmovie”, der sich durch die fehlende Bewegung auszeichnet, denn alle stehen im Stau. Leider dürfen sich auch die Figuren während der zweieinhalb Stunden des Stücks nicht so richtig weiterentwickeln, am Ende sind eigentlich alle die Selben und alles bleibt beim alten. Die Entwicklung ist nur eine Scheinbare: Die Ganoven werden nicht geläutert, der Pfarrer bleibt  weiterhin etwas bigott, egal wie sehr die Hippie-Frau versucht, ihn für höhere Ziele zu begeistern. Die einzige Ausnahme ist vieleicht die Bäuerin Andrea Sorg auf deren Hof alle stranden und das Paar Florian und Veronika Gerber, die am Ende zu einer glücklicheren Beziehung zurückgefunden haben.

Die fehlende Figurenentwicklung ist aber vielleicht auch einfach der Tatsache geschuldet, dass die meisten Figuren nie ordentlich eingefürt werden und deshalb bis ans Ende des Stücks  blass bleiben. Bei über 40 Personen ist das nicht wirklich verwunderlich, schade bleibt es dennoch, denn die schauspielerische Leistungen sind eigentlich überzeugend. Durch die fehlende Einführung aber zieht sich gerade die erste Hälfte des Stückes ziemlich. Durch die vielen Figuren wird dem Stück aber etwas anderes möglich: Es werden parallel laufende Nebenhandlungen möglich, bei denen auch die Figuren Handlung weiterspielen, die gerade nicht im Fokus stehen.

Dass diese Idee nicht im Chaos mündet, sondern eine wohlgeordnete Vielfalt und einen ungeheuren Reichtum an Charakteren und Beziehungen bietet, ist das Verdienst der Regisseurin Gerburg Maria Müller […]. (So das Programmheft)

Möglich wird dies aber auch durch den Ort. Gespielt wird unter freiem Himmel, das Publikum sitzt auf Stadionstühlen auf zwei Rängen und blickt auf ein fränkisches Bauernhaus, das in einer Wegkurve liegt und die Kulisse bildet. So kann man mit einem Ohr der Haupthandlung zuhören und sich ansonsten auf die liebevoll inszenierten Details der

Für mehr Abwechslung sorgen verschiedene Liedeinlagen, die bekannte Songs der 80er Jahre zitieren und umdichten. Ein paar der Stücke wurden auf vimeo hochgeladen. An diesen zeigt sich vor allem die vielseitige Begabung einiger Schauspieler, die nicht nur singen, sondern auch die Band unterstützen.  Dabei ist die Band leidetr nur sehr vage in die Handlung des Stücks eingebunden, obwohl manche Schauspieler ständig zwischen Bühne und Band wechseln müssen, was sich negativ auf ihre Präsenz im Stück auswirkt.

Das Stück, das gute Unterhaltung für einen lauen Sommerabend im Freien bietet, ist noch bis 15. August zu sehen.

Eine wissenschaftliche Arbeit abschließen

Neulich habe ich ja schon darüber geschrieben, welche Probleme sich beim strukturierten Arbeiten an einem wissenschaftlichen Text so ergeben. Inzwischen habe ich meine Masterarbeit eigentlich fertig geschrieben.

Eigentlich… Denn obwohl jetzt alles, was zu meiner Gliederung gehört ausformuliert in einem Textdokument steht, heißt das noch nicht, dass meine Arbeit fertig ist. Gerade merke ich erst, dass ich jetzt erst an einem Punkt bin, wo ich meinen Text noch mal überdenken kann, inhaltliche und strukturelle Probleme feststelle, an Formulierungen feile und das ganze zu einem konzisen Endprodukt mache. Das heißt aber auch für alle zukünftigen Projekte, dass ich wirklich mehr Zeit zum Korrigieren einplanen muss. Weil es mehr ist als nur ein paar Fehler auszumerzen. Es geht darum, dass ich  Doppelungen vermeide und Argumente schärfe. Ich will die Einleitung und den Schluss nicht nur aufeinander abstimmen, sondern auch sicherstellen, dass die Ergebnisse, die ich im Schluss formuliere auch im Hauptteil erarbeitet werden.

Konkret bedeutet das: Die erste Rohfassung habe ich komplett auf offensichtliche Fehler am Bildschirm durchgelesen. Dann habe ich sie einmal ausgedruckt, um so noch einmal ein anderes Format zu haben und nötige Ergänzungen besser vornehmen zu können. Denn gerade Überleitungen kann ich viel besser von Hand schreiben. Nach dem Einarbeiten dieser Änderungen, die mir auch noch einmal einen besseren Überblick über meine Thesen verschafft haben, konnte ich endlich die Einleitung und den Schluss schreiben. Aber gerade beim Zusammenfassen meiner Ergebnisse für den Schluss, kommen mir gerade noch einmal hoffentlich kluge Gedanken, die das, was ich im Hauptteil ausdrücken wollte, noch einmal präzisieren. Dabei habe ich allerdings gerade das Gefühl, dass ich in meinem Schluss Ergebnisse formuliere, die in meinem Hauptteil nicht so eindeutig formuliert werden. Also muss ich, nachdem der Schluss fertig ist, noch einmal an einzelne Stellen des Hauptteiles, um dort zu ergänzen und zu schärfen.

Dann sollen eigentlich auch noch andere meine Arbeit Korrekturlesen. Beim Einarbeiten dieser Änderungen werden mir vermutlich noch weitere Verbesserungen auffallen. Der hermeneutische Zirkel scheint nicht nur für fremde sondern auch für eigene Texte zu gelten.