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Das Internet – die Kommerzialisierung

Gebloggt am: 25.07.2016 von Corinna

Das Internet entstand im Umfeld der Wissenschaft. Ab den 1990ern konnte es auch von Laiennutzen genutzt werden. Das lag zum einen am Preisverfall der Computer-Hardware, zum anderen an der zunehmend benutzerfreundlichen Interaktionsebene zwischen Mensch und Computer. Welche Entwicklungen zum heutigen Internet geführt haben und die grundlegende Funktionsweise einiger Internetanwendungen sind im Folgenden erklärt.

Die Kommerzialisierung

Ab 1991 konnten in den USA das Netz auch kommerzielle Unternehmen nutzen. 1989 entwickelte Tim Berners-Lee am CERN im Genf, die Anwendung des World Wide Web (WWW), was auch zur Verbreitung des Internet außerhalb der akademischen Welt beitrug. Berners-Lee übertrug das Hypertextkonzept auf das Internet, um somit eine effiziente Informationsverwaltung von verfügbaren Wissen zu ermöglichen. (vgl. Braun 2010, s. 205). Dabei ermöglicht dieses Konzept statt einer einzig linearen Darstellung bei Stichwörtern direkt zur verlinkten Stelle zu springen, die den Kontext bzw. die Erklärung hierzu gibt. (vgl. Kirpal/Vogel 2006), was der ursprünglichen Anwendung (Verlinkung und Präsentation von verschiedenen Forschungsergebnissen und -materialien) hilfreich war. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 143). Daher nannte Berners-Lee diese Verknüpfungsweise auch World Wide Web. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 143).

Berners-Lee ist auch Entwickler des Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und der Hypertext Markup Language (HTML). Das HTTP diente dazu, dass ein Computer im Internet nach bestimmten Dateien suchen konnte, die zu einem Dokument verknüpft werden sollten. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 143). Der Uniform Resource Locator (URL) war die Adresse der so erstellten Dokumente. Mittels HTML war des dem Browser möglich, die gefundenen Daten angemessen darzustellen. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 143f.)

Das WWW wurde auch durch die kostenlose Verfügbarkeit der ersten Browser ermöglicht, wie beispielsweise den Mosaic Browser der Universität Illinois, was 1994 jedoch zur Gründung der Firma Netscape führte.

Mitte der 1990er begannen immer mehr Entwickler ihre Programme und geschriebenen Lösungen nur gegen Lizenzgebühr weiterzugeben. Kirpal und Vogel führen drei Geschäftsmodelle des Internets auf: den Verkauf der Browsersoftware, der kostenpflichtige Zugang zum Internet, sowie das Internet als weiterer Absatzkanal für Produkte und Dienstleistungen (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 144). Dem Kommerzialisierungsbestreben kam entgegen, dass mehr und mehr Privatpersonen Computer für den Privatgebrauch hatten und auch die Bedienung des Computers zunehmend benutzerfreundlich gestaltet wurde. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 144f.). In den 1990ern war es zunächst vor allem der gebührenpflichtige Internetzugang, der Gewinne versprach. Dabei kann sich der Internetnutzer über einen Knotenrechner des Internetproviders über ein Modem oder eine ISDN-Verbindung in das www einwählen. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 145).

Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass die Verbreitung des Internets erst durch laienorientierte Innovationen kam, welche nicht von Forschern entwickelt wurden, sondern von ersten Nutzern bzw. Studenten der Computer Science, die die bisher sehr technikorientierte und wenig benutzerfreundliche Oberfläche umgestalteten. (vgl. Hellige 2006, S. 17). Da es die Erfinder des Internets zunächst nicht für den privaten Gebrauch entwickelt hatten, war die Nutzung des Internetnetzes so umständlich, dass es kaum jemand außerhalb der Expertenzirkel auf sich nahm. (vgl. Hellige 2006, S. 16). Erst mit der Einführung von „Graphic User Interfaces“ für Email oder Browser wurde es einfacher für den Laien den Computer zu bedienen. (vgl. Hellige 2006, S. 17).

Funktionsweise von World-Wide-Web -Anwendungen

Um eine Seite im Web aufzurufen, baut ein PC eine TCP-Verbindung mit dem Webserver auf. Der Browser auf dem Computer schickt dann eine Anfrage nach einer Webseite an den Server. Der Server liest nun entweder die angeforderte Seite oder erstellt sie dynamisch und schickt sie dann zurück an den PC. Das gleiche Prinzip wird bei E-Mails und der Internettelefonie verwendet. (vgl. Braun 2010, S. 205).

Neben dem reinen Aufrufen von Webseiten, gibt es nun auch Webservices. Dies „ist eine Softwareanwendung, die über einen Uniform Resource Identifier eindeutig identifizierbar ist und deren Schnittstelle über die Web Service Description Language beschrieben werden kann.“ (Braun 2010, S. 205). Somit  können  Softwareagenten direkt über XML-Nachrichten (eXtensible Markup Language) kommunizieren, was den automatisierten Datenaustausch erleichtert. (vgl. Braun 2010, S. 205).

Neue Ansätze in der Netzwerkverknüpfung

Statt des Client-Server-Modells nahmen in den vergangenen Jahren auch Peer-to-Peer-Netze (P2P-Netze) zu. In einem P2P-Netz sind alle beteiligten Computer gleichberechtigt, sodass jeder Computer Empfänger und Sender für Daten werden kann. Häufig werden P2P-Netze „zur Verbreitung von Suchanfragen nach Objekten verwendet.“ (Braun 2010, S. 206). Das heißt, dass beispielsweise Musikdateien häufig über solche Netzwerke ausgetauscht werden.

Sicherheit

Da das Internet nicht primär für eine kommerzielle Nutzung entwickelt wurde, wurde Sicherheit erst ein großes Thema als es für alle geöffnet wurde. (vgl. Braun 2010, S. 206).

Die Zukunft

Braun schreibt 2010, dass vor allem drahtlos kommunizierende Endsysteme wie Kleinstcomputer und Sensoren über Funk ihre Datenpakete austauschen werden. Dabei werden die Datenpakete über mehrere drahtlose Zwischen knoten transportiert. (vgl. Braun 2010, S.206f.)

Literaturverzeichnis

Braun, Torsten (2010): Geschichte und Entwicklung des Internets. In: Informatik Spektrum 33 (2), S. 201–207. DOI: 10.1007/s00287-010-0423-9 .

Hellige, Hans Dieter: Die Geschichte des Internet als LernprozessGI-Edition. stark erweiterte Neubearbietung von artec-paper 107, Nov.2003. artec – paper Nr. 138 2006. Online verfügbar unter https://www.researchgate.net/profile/Hans_Hellige/publication/37931469_Die_Geschichte_des_Internet_als_Lernprozess/links/552244d00cf2a2d9e14528b5.pdf, zuletzt geprüft am 17.03.2016.

Kirpal, Alfred; Vogel, Andreas (2006): Neue Medien in einer vernetzten Gesellschaft. Zur Geschichte des Internets und des World Wide Web. In: N.T.M. 14 (3), S. 137–147. DOI: 10.1007/s00048-006-0239-5 .


Das Internet – Wer hat’s erfunden?

Gebloggt am: 18.07.2016 von Corinna

Es gibt Technologien, wie das Fernsehen, das Handy oder das Internet, welche man einfach nur benutzt. Aber wie funktioniert beispielsweise das Internet? Wie hat es sich entwickelt und wie wird sich das ganze vielleicht noch entwickeln?

Die Anfänge

Die Advanced Research Projects Agency  – das ARPA-Netzwerk

In den 1950ern arbeitete das amerikanische Militär bereits mit einem netzwerk zur Erfassung und Auswertung von Daten der Luftraumüberwachung, dem sogenannten SAGE-Net (Semi-Automatic -Ground Environment Network). Dieses Netzwerk verband bereits mehrere geographisch verteilte Computer, basierte jedoch im Gegensatz zum späteren Internet noch auf dem Time-Sharing-Konzept, “das es mehreren Nutzer gleichzeitig ermöglichte, auf einen Großrechner zuzugreifen und mit ihm zu arbeiten.” (Kirpal/Vogel 2006, S. 138).

1958 wird die Advanced Research Projects Agency in den USA gegründet vom Verteidigungsministerium. Ziel dieser Einrichtung war es die „angewandte Forschung im akademischen und universitären Einrichtungen besser zu koordinieren“ (Braun 2010, S.201).

Zur damaligen Zeit gab es nur einige Großrechner. Die erste Idee war es, dass mehrere Anwender gleichzeitig an einem Computer arbeiten können. Das „Time-Sharing“ (Braun 2010, S.201) bedeutet, dass „[d]ie Rechenzeit eines Computers (…) so aufgeteilt [wird], dass jeder Prozess oder jeder Benutzer den Eindruck gewinnt, dass das entsprechende Programm Fortschritte erzielt.“ (Braun 2010, S.201).

Der ARPA-Mitarbeiter Bob Taylor hatte 1966 die Idee, die geographisch verteilten Großrechner zu einem Netzwerk zu verbinden. So hätte man ohne teure Investitionen die Rechnerleistung erhöht. Dies scheiterte jedoch daran, dass die Anzahl der erforderlichen Leitung „proportional zuN2 ,mit N=Anzahl der zu verbindenden Computer.“ (Braun 2010, S.201) ist.

Um dieses Kapazitätsproblem zu lösen, schlug Wesley Clark 1967 vor, ein Netz von „Interface message Processors (IMP)“ (Braun 2010, S. 201) zu bilden. Das Gerät des IMP sollte die Kommunikation zu anderen Computern über weitere IMPs erledigen. (vgl. Braun 2010, S.201). Zu diesem Zeitpunkt wusste man jedoch noch nicht, wie diese Kommunikationstechnologie aussehen sollte. (vgl. Braun 2010, S.201). Diese Interface Message Processors entlasteten also das Endgerät, sodass sich der Endcomputer (Client) nicht auch noch um den Netzbetrieb kümmern muss. Der Client-Computer musste sozusagen nur zur Kommunikation mit einem IMP eingerichtet werden, konnte aber über den IMP mit anders programmierten Rechnern kommunizieren. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 139f.)

Zur gleichen Zeit/Ebenfalls in den 1960ern überlegte sich Paul Baran wie die Kommunikation des Militärs sichergestellt werden konnte im Falle eines atomaren Angriffs. Da die Fernmeldetechnik bis dato auf hierarchischen, zentralistischen Strukturen beruhte, bedeutete der Ausfall eines Kommunikationsknotens einen Abbruch der Nachrichtenübermittlung (vgl. Braun 2010, S.202). Daher konzipierte er ein Netz von gleichberechtigten Knoten („Maschennetz“ (Kirpal/Vogel 2006, S. 139), sodass eine Nachricht beim Ausfall eines Knotens noch weitere Möglichkeiten hatte um an den Empfängerknoten weitergeleitet zu werden. (vgl. Braun 2010). Für die Umsetzung seiner Idee kontaktierte er die amerikanische Telefonfirma AT&T, der das Konzept nicht gefiel.

Ein Grund hierfür ist, dass „Traditionelle Telefonnetze sind im Gegensatz zu Datennetzen verbindungsorientiert und streng hierarchisch aufgebaut [sind]“ (Braun 2010, S.202). Das bedeutet auch, dass bei der Datenübermittlung die Leitung komplett belegt wird für eine Verbindung. (vgl. Braun 2010, S.202) Das heißt, selbst wenn beispielsweise zwei Leute am Telefon schweigen und somit keine Daten in dem Sinn übertragen werden ist die Leitung blockiert, da sie für diese Kommunikation belegt ist. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 139). Für die Kommunikation zwischen den Computern hätte dies zwei Nachteile: Zum einen werden die vorhandenen Leitungen nicht optimal ausgenutzt, zum anderen muss eine Verbindung auf bzw. abgebaut werden, um die „nicht genutzte“ Leitung freizugeben für andere Daten, was zeitlich sehr ineffizient ist. (vgl. Braun 2010, S. 202)

Die Paketübermittlung zwischen Netzwerkknoten

Donald Davis, damals am National Physical Laboratory (NPL) tätig, entwickelte parallel zu Barans dezentralem Netz das Konzept der Paketvermittlung. Die Idee ist sämtliche Verbindungen zwischen den Netzknoten für die jeweiligen Daten aufzuteilen, sodass bei „Nichtbelegung“ einer Verbindung die Daten über diese Leitung gesendet werden können. Zudem werden die Daten in kleine „Datenpakete“ aufgeteilt, die unabhängig voneinander über das Netz zum Empfängerknoten geschickt werden, wo die einzelnen Datenpakete wieder zur ursprünglichen Nachricht zusammengesetzt werden. (vgl. Braun 2010, S. 202).

1968 initiierte Larry Roberts die Umsetzung der Ideen durch eine Verbindung von vier Universitätsgroßrechnern. Die technische Umsetzung inklusive der Softwareprogrammierung für die IMP-Struktur übernahm das Unternehmen BBN. (vgl. Braun 2010, S.202f.) Dabei mussten die Nutzer des Netzwerks jedoch ihren eigenen Rechner selbst so programmieren, dass der eigene Rechner mit dem IMP kommunizieren konnte. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 140). Die Datenübertragung erfolgte zu diesem Zeitpunkt noch über die Telefonleitungen.

Dennoch musste 1969 auch noch ein Programm bzw. Protokoll entwickelt werden, dass die Kommunikation zwischen den IMP und den Endgeräten ermöglichte. Dieses Protokoll wurde von der Entwicklergruppe um Vint Cerf als „request for comments“ (RFC) –Spezifikation benannt. (vgl. Braun 2010, S. 203.)

Zudem entwickelte diese Arbeitsgruppe verschiedene Anwendungen wie 1971 die erste E-Mail-Software sowie die Telnet-Spezifikation, die „zum entfernten Einloggen in andere Rechner“ (Braun 2010, S. 203) dient. Da zwar über dieses Telnet-Protokoll Verbindungen zu anderen Computern möglich waren, der Austausch von größeren Datenmengen jedoch nicht, wurde 1972 das File Transfer Protocol (FTP) entwickelt. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S.141). Ebenso musste in den 1970ern der Programmiercode angepasst werden, sodass mehr als tatsächlich mehrere IMPs miteinander kommunizieren konnten. (vgl. Hellige 2006, S. 22).

1973 wurde mit „Talk“ eine Art Präform des Chats umgesetzt. Später gab es auch Usenet News, „ein Dienst, um Nachrichten in ein Forum zu stellen und diese zu diskutieren.“ (Braun 2010, S. 203).

Die Universität Hawaii entwickelte in den 1970ern das „Aloha-Verfahren“ für lokale Funktnetze. Beim Aloha-Verfahren sendet ein Netzwerkknoten einfach ein Datenpaket und hofft, dass es beim Empfänger ankommt, was jedoch zu Kollisionen führen kann, wenn zwei oder mehr Rechner gleichzeitig senden. (vgl. Braun 2010, S. 203). Das Ethernet verbesserte dieses Verfahren, indem der Netzwerkknoten vor dem Senden des Datenpakets abhört, ob andere Knoten senden und solange die eigene Übertragung zurückstellt. (vgl. Braun 2010, S.203).

Diese Ideen ließ die Entwicklergruppe um Vint Cerf auch bei der Konzipierung des Kommunikationsprotokolls Network Control Protocol einfließen, was später das TCP (Transport Control Protocol) wurde. Dabei „regelt [das TCP] den zuverlässigen Datentransport zwischen Computern über unzuverlässige Netze.“ (Braun 2010, S.203).

Denn das Problem war, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere unabhängige Netze gab, die man verbinden wollte. Aufgrund unterschiedlicher Standards zwischen den Netzwerken (bezüglich Datenpakten, Übertragungsgeschwindigkeit…) war es nicht möglich sie einfach auf Grundlage der ARPANET-Standards zu verbinden. Vielmehr entwickelten Vint Cerf und Rober Kahn die Idee von Gateway-Computern, die als Mittler zwischen den Netzwerken dienen sollten. Dabei sollten diese Gateway-Computer in jede Richtung als eine Art IMP arbeiten konnten und unter anderem die Größe der Datenpakete angepasst werden sollten. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 141f.).

Zunächst wurden Fehler bei der Übertragung im ARPANET durch benachbarte IMPs behoben. Im TCP wurde dies von den Endsystemen übernommen. 1977 wurde das TCP in TCP und IP (Internet Protocol) aufgeteilt. Hierbei ist das „IP (…) für das Weiterleiten von Paketen zwischen Quelle und Ziel verantwortlich. TCP sorgt für eine zuverlässige Kommunikation zwischen zwei am Internet angeschlossenen Computern.“ (Braun 2010, S. 204), da es die Daten vor dem Senden aufbereitet und etwaige Übertragungsfehler erkennt. (vgl. Kirpal/Vogel 2006, S. 142). Das IP ist für „das Routing zwischen den Netzwerkrechnern“ (Kirpal/Vogel 2006, S. 142) zuständig. 1983 löste das TCP/IP das Network Control Protocol komplett ab. Zwar gab es 1990 noch einen Versuch seitens der ISO ein vereinheitliches Protokoll zu entwerfen, letztlich setzte sich aber TCP/IP durch, da es bereits von den meisten genutzt wurde

Ab den 1980ern entstanden sowohl in den USA als auch in Europa viele solcher „Forschungsnetze“, welche die Universitäten miteinander verband und zumeist auf dem TCP/IP basierten.

Später wurden diese verschiedenen Einzelnetze zu einem großen Netz zusammengeschlossen. Zur Verbindung der Netze nutzte man Gateways (= Router), die die Rolle der IMP übernahmen. (vgl. Braun 2010, S. 204). Dabei sind mehrere solcher Einzelnetze regional häufig über ein Backbone-Netz miteinander verbunden. Solche Backbone-Netze werden meist von großen Internet Service Providern betrieben und sind untereinander wie international miteinander verbunden. (vgl. Braun 2010, S. 204).

Ab 1983 wurde im Internet das Domain Name System (DNS) eingeführt, dass der Verwaltung der Rechner- und Domänennamen diente. (vgl. Braun 2010, S. 205).

Die Vorformen des Internet waren also primär zur Vernetzung der Wissenschaftler und allenfalls noch im militärisch-staatlichen Bereich angedacht und umgesetzt. Entgegen der gezielten “Legendenbildung” einzelner Personen, die am Entstehungsprozess des Internet beteiligt waren, waren es jedoch nicht nur einzelne Genies aus den USA, die gezielt das Internet entworfen haben und zu dem gemacht haben, was es heute ist. Vielmehr waren es zu Beginn das mangelnde Geld um mehr teure Hardware zu kaufen, die das Time-Sharing-Konzept hervorbracht und später aufgrund von Effizienzüberlegungen zur Paketübermittlung von Daten führte. Zudem waren es die Ideen mehrerer Personen, welche die Internetentwicklung vorantrieben.

Literaturverzeichnis

Braun, Torsten (2010): Geschichte und Entwicklung des Internets. In: Informatik Spektrum 33 (2), S. 201–207. DOI: 10.1007/s00287-010-0423-9 .

Hellige, Hans Dieter: Die Geschichte des Internet als LernprozessGI-Edition. stark erweiterte Neubearbietung von artec-paper 107, Nov.2003. artec – paper Nr. 138 2006. Online verfügbar unter https://www.researchgate.net/profile/Hans_Hellige/publication/37931469_Die_Geschichte_des_Internet_als_Lernprozess/links/552244d00cf2a2d9e14528b5.pdf, zuletzt geprüft am 17.03.2016.

Kirpal, Alfred; Vogel, Andreas (2006): Neue Medien in einer vernetzten Gesellschaft. Zur Geschichte des Internets und des World Wide Web. In: N.T.M. 14 (3), S. 137–147. DOI: 10.1007/s00048-006-0239-5 .


Arteducate – Hat er’s gemalt?

Gebloggt am: 17.03.2016 von Corinna

Zum Zeitvertreib bietet das Internet ein mannigfaches Angebot. Ein neues Spiel für Kunstliebhaber und Kunstinteressierte bietet Arteducate. Nach einer unkomplizierten Anmeldung (entweder als Neuregistrierung oder über Google/Twitter/Facebookaccount) kann man loslegen. Man kommt zunächst wieder auf die Startseite und muss dann oben rechts auf “Attribution” klicken.

Aus einer alphabetischen Liste Maler verschiedenster Epochen wählt man einen Künstler aus. Anschließend sieht der Spieler ein Bild und muss nur durch ein einfaches Klicken auf ein “Daumen-hoch”-Symbol bzw. “Daumen herunter”-Symbol entscheiden, ob das Bild vom ausgewählten Maler stammt oder nicht. Nach einer Reihe von bewerteten Bildern zeigt ein Prozentsatz an, wie viele Bilder man richtig zugeordnet hat. Zudem wird in einem Kreisdiagramm angezeigt, welche Bilder man richtig zugeordnet hat bzw. welche falsch.

Zum Zeitvertreib ist es gut geeignet, noch dazu hilft es der Forschung am Kunstinstitut der LMU, wie vergleichendes Sehen tatsächlich funktioniert. Da sich das Spiel erst noch in der Alpha-Phase befindet, gibt es selbstverständlich noch manches zu verbessern. So könnte man nach dem Einloggen sofort auf die Spielseite weitergeleitet werden ohne erst nach dem Feld “Attribution” suchen zu müssen. Leider werden auch nicht jeweils die Bilder mit Urhebernamen angezeigt, sondern nur die Namen der Künstler der vorher gezeigten Bilder. So lässt sich das Spiel sozusagen nur sinnvoll in eine Richtung spielen – “ich kenne diesen Künstler und kann Bilder zuordnen” und ein “ich kenne diesen Künstler noch nicht, möchte aber ihn kennenlernen über dieses Spiel” ist leider nicht möglich.

Wem dieses Spiel zu langweilig ist, dem sei nach wie vor ARTigo empfohlen, bei dem es mittlerweile auch noch mehr Varianten als in der Anfangsphase gibt.


Ins Internet schreiben

Gebloggt am: 06.01.2015 von Lisseuse

Gestern Abend bin ich über Minas Artikel Verletzlich auf ihrem Blog Frau Dingens gestolpert. Dieser wurde ausgelöst durch das Bedürfnis einfach mal schlechte Laune und Unwohlsein im Netz ablassen zu können und dem Gefühl, dass das nicht so einfach möglich ist. Sie schreibt darüber, wie sie wie sie nicht von Leuten aus dem Netz, die sie gar nicht kennen, bewertet werden will. Und wünscht sich einen Ort im Internet, wo sie einfach so sein kann, wie sie ist. Wie sehr sie Recht hat!

Für mich gehört sie zu der Gruppe von Leuten im Netz, die ich irgendwie mag und bewundere. Denn natürlich ist mir völlig klar, dass sie in der Realität nicht zu 100% so ist, wie es sich im Netz darstellt. Dieses Wissen führt bei mir dazu, dass ich eine große Hemmung habe, Leute aus dem Internet im echten Leben anzuquatschen. Denn die Antwort auf: “Bist du nicht xy aus dem Internet?”, ist viel zu offensichtlich: “Nein. Ich bin viel mehr.” Meistens möchte ich die Leute sogar im Internet in Ruhe lassen – woher soll ich das Recht haben, einfach so Fremde anzuquatschen?

Aber das ist gar nicht so sehr das, worum es mir heute eigentlich geht. Minas Artikel hat mich dazu gebracht noch mal anders über die Frage nachzudenken, die ich mir seit Wochen stelle. Nämlich die Frage danach, was wohl der Grund ist, warum ich momentan so wenig blogge, twittere, … warum ich seit Monaten kaum noch aktiv am Leben im Netz teilnehme.

Vielleicht liegt es daran, dass auch ich beobachten kann, wie der Ton im Internet immer rauer wird. Wie immer wieder Frauen 1 im Internet an Anfeindungen und Androhungen scheitern. Und das meist allein dafür, dass sie eine Geschichte erzählen oder ihre Meinung äußern. Und im deutschsprachigen Internet ist hier eben für mich persönlich das Beispiel von Mina besonders prägend. Sie ist aus vielen Gründen eine von denen, die mir auf Twitter fehlen, wenn sie gehen. Und deshalb fällt mir auf, wenn sie ihren Twitteraccount schließt, weil sie den Hass nicht mehr erträgt. Ihn wieder öffnet, weil ihr Twitter fehlt. Ihn wieder schließen muss und wieder öffnet. Respekt! Das was sie von sich im Internet zeigt ist bewundernswert energiegeladen, motiviert, begeistert.

Jedenfalls, der Grund, warum ich gerade deshalb heute doch einen Blogpost schreibe, ist, dass es offensichtlich einfach mehr normale Leute im Netz braucht. Diejenigen, die Menschen auch wieder aus den Schubladen lassen, in die sie sie gepackt haben, müssen sich vielleicht mehr zu Wort melden. Dann entsteht vielleicht eine Atmospähre, in der auch Angst und Verletzlichkeit und generelles Unwohlsein geäußert werden können. Dann muss niemand befürchten pauschal verurteilt zu werden, nur weil er mal auch eine andere Seite von sich zeigt. Dann kann das Internet der bunte Ort werden, den ich gerne hätte.

Und wenn diese Leute alle mehr bloggen, dann verteilt sich vielleicht auch der Hass und die negative Resonanz auf mehr Schultern und wird einfacher zu tragen.

  1. Natürlich sind es nicht nur Frauen, denen so was passiert. Aber (und das mag auch an den Themen liegen, für die ich mich interessiere) es sind eben gerade Frauen. Andererseits: Wenn ich an Fälle wie Anita Sarkeesian denke, dann zählen die Männer, die im Internet angegangen werden, vielleicht doch nicht mit.

Wie Tumblr eine Serie schrieb

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Ich bin Fan. Was lag also für mich näher als in der Vorlesung „Vom Märchenleser zum Serienjunkie“ eine Arbeit über Fans zu schreiben. Dort kam auch noch Sherlock ins Spiel und die Rede darauf, wie (besonders durch das Internet) Fans nicht mehr nur Medienkonsumenten, nicht mehr nur Mediennutzer sondern “Produser” werden, also in das Zwischenfeld zwischen der Nutzung von medialen Inhalten und einem eigenen Beitrag dazu eintreten. Was im Internet in den zwei Jahren zwischen der Ausstrahlung der zweiten und dritten Staffel von Sherlock passierte, fällt meiner Meinung nach genau in dieses Feld: Die Fans füllen Foren, Websiten und Blogs mit Theorien und Wissen zur Frage „Wie überlebt Sherlock“. Da sie dabei so gründlich vorgehen, dass keine Sekunde der Folge S02E03 unanalysiert bleibt, gibt es zwangsläufig eine Rückwirkung auf die folgende Episode. Die Autoren können nicht an den Theorien der Fans vorbei.
Für den theoretischen Hintergrund habe ich mich mit der Frage vom Zusammenhang von Serialität und Alltagskultur, der Rolle von Fans für solche Serien und dem Konzept von “Produsage” auseinander gesetzt.

Als Quelle für die Aktivitiäten der Fans benutzte ich vornehmlich ein Forum, in dem die Fans wiederum auf viele andere Seiten verlinken. Darüber hinaus habe ich mich natürlich in den Weiten des Internets verloren und stundenlang Video-Material zur Serie geguckt, auf das ich in meiner Analyse aber nur am Rande eingehe. Im Forum nutzen die Fans verschiedene Threads, um ihre Theorien und Fragen zur Serie zu diskutieren, miteinander zu argumentieren und versuchen auf eine Lösung zu kommen. Die Analysen von #SherlockNotDead sind vielfältig und mit unglaublichem Enthusiasmus und enormer Ausdauer verfasst.

Zum Schluss werde ich zeigen, welche Rückwirkungen die Theorien der Fans auf die erste Folge der dritten Staffel hat, von der die Fans erwartet haben, dass sie die Frage nach dem Überleben Sherlocks klärt.

Die Fanseite sherlock.broadhost ist ein gutes Beispiel um “produsage” von Fans zu beobachten. Jeder Diskussionsteilnehmer kann dort gleichberechtigt seine Ideen und Theorien vorstellen und trägt somit dazu bei dem gemeinsamen Ziel, herauszufinden wie Sherlock es schafft zu überleben, näher zu kommen. Im Prozess der Wissensproduktion evaluieren und kritisieren sich die Fans gegenseitig und verbessern so ihre Theorien, decken Fehler auf und gleichen Meinungen ab. Tendenziell ist die Diskussion dabei ohne Abschluss. Für Forschungsfragen, die zu beantworten schwierig wird, wenn sich das Feld ständig im Wandel befindet, ist aber gerade interessant, dass durch die Definitionsmacht der Serien-Produzenten dennoch eine endgültige Version existieren kann. Während in den frühen Folgen von Sherlock anderer Forschung zufolge kein „folding text“ stattfindet, wirkt sich die “produsage” der Fans nach der zweiten Staffel auf die Weitererzählung in der folgenden aus. Dies muss schon zwangsläufig der Fall sein, weil die von den Fans produzierten Ideen so vielfältig sind, dass es keine weiteren Möglichkeiten gibt, wie Sherlocks Überleben erzählt werden könnte, die noch nicht irgendwo aufgegriffen wurden. Folglich bleibt den Autoren wenig anderes übrig, als kreativ mit den schon veröffentlichten Ideen der Fans umzugehen. Dabei behandeln Stephen Moffat und Mark Gatiss die Fans allerdings manchmal etwas von oben herab, insbesondere wenn sie die Spekulationen der Fans an die unsympathisch gezeichnete Figur von Anderson binden, die innerhalb der Serie auch noch für Sherlocks Tod mitverantwortlich gemacht wird.


Be careful what you post on Tumblr…

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Die Einleitung und ein Ausblick findet sich hier. Den theoretischen Hintergrund behandle ich im Post Serien – Fans – Produsage und den ersten Teil meiner Analyse im Post #SherlockNotDead.
 

Die Spekulationen der Fans darüber, wie Sherlock überlebt, sind nicht nur für sich eine Form von Produsage. Sie wirken darüber hinaus auch auf die Autoren der Serie und die offizielle Version der Handlung zurück. So zeigten Moffat, Gatiss und Vertue, die als Produzenten von Sherlock auf der Comic Con 2013 anwesend waren, bespielsweise ein Video mit Grüßen von Martin Freemann und Benedict Cumberbatch, in dem Cumberbatch „verrät“, wie Sherlock überlebt:

Allerdings sind die Stichwörter, die durch die Cuts und Störgeräusche zu hören sind und Cumberbatchs Gesten so übertrieben, dass dieses Video kaum auf die Spekulationen der Fans zurück wirkt. Hinzu kommt, dass Mitte 2013 The Reichenbach Fall von den Fans auch so sehr analysiert ist, dass wirklich nichts neues mehr dazu gesagt werden kann und die Spekulationen nachgelassen haben.

The Empty Hearse

Obwohl die Fans den Fall Sherlock Holmes teilweise betrachten, als wäre er nicht-fiktional und neben dem Filmmaterial auch den realen Drehort in ihre Analysen mit einbeziehen, anerkennen sie dennoch das (innerhalb von Produsage-Kontexten eigentlich nicht mehr gegebene) Recht Moffats und Gatiss‘ die „wahre“ Geschichte zu erzählen:

sherlocked: When the episodes of the third season are aired, we all have to read our little theories again and might smile a lot.

Dennoch haben die Spekulationen der Fans auch direkte Auswirkungen auf die erste Folge der dritten Staffel, in der erzählt werden muss, wie es passieren kann, dass Sherlock Holmes überlebt. Der Guardian zitiert Moffat, der sagt, dass es viel mehr Spass mache sich selbst Theorien zu überlegen, als erzählt zu bekommen, was passiere und Gatiss, der bemerkt, dass es eben nur eine begrenzte Anzahl an Möglichkeiten gebe, wie man von einem Gebäude springen könnte.
*********Spoilers für The Empty Hearse
Dies wird auch in der Folge aufgegriffen, wenn Sherlock sagt:

I calculated that there were thirteen possibilities once I’d invited Moriarty onto the roof. (…) The first scenario involved hurling myself into a parked hospital van filled with washing bags. Impossible. The angle was too steep. Secondly, a system of Japanese wrestling …

Da die Fans in zwei Jahren des Überanalysierens definitiv jede der Möglichkeiten abgedeckt haben, wirken die in The Empty Hearse präsentieren Möglichkeiten, als hätten Moffat und Gatiss im Internet abgeschrieben, was die Fans natürlich bemerken und kommentieren:
Careful what you post
How Sherlock was written

Insgesamt werden in The Empty Hearse drei Versionen erzählt, wie Sherlock überlebt haben könnte. Dabei wird jeweils sorgfältig darauf geachtet, dass am Ende der Erzählung deutlich wird, dass auch diese Version nur Spekulation bleibt. In den ersten beiden Fällen ist dies sehr deutlich markiert. Hier kommentieren andere Figuren die jeweilige Erzählung als unwahrscheinlich. Während die erste Version, die Anderson als ehemaliges Mitglied der Forensik DI Lestrade erzählt plausibel erscheint, bis er in seiner Erzählung von Lestrade unterbrochen wird, wird die zweite Version schon innerhalb der Erzählung skurril, wenn ein weiblicher Fan eine Romanze und einen Kuss zwischen Sherlock und seinem Erzfeind Moriarty beschreibt. Die dritte Version versteckt am geschicktesten, dass es sich nur um eine Theorie und nicht um die „Wahrheit“ handelt. Denn hier ist Sherlock selbst derjenige, der erzählt. Hinzu kommt, dass die Erzählung als Einschub in genau dem Moment erfolgt, als Sherlock und John mit einer tickenden Bombe in der U-Bahn festsitzen und deshalb wirkt, als würde Sherlock nun endlich John berichten, wie er sein Überleben geplant hat. John, der zwar im Doyle-Canon den Wissenshorizont der Leser repräsentiert, wird in der Serie allerdings vom Erzähler zur Figur, die oft weniger weiß, als die Zuschauer. Beim genauen (oder zweiten) Hinsehen stellt sich dann auch heraus, dass auch diese Erzählung nur eine Version ist, die Sherlock Anderson präsentiert, um ihm zum Narren zu halten. Anderson kann in der gesamten Episode, anstelle von John, mit den Fans und Zuschauern identifiziert werden. Er ist obsessiv davon besessen herauszufinden, wie Sherlock es schafft den Sprung zu überleben, übersieht die entscheidenden Hinweise und hat so viele Theorien entwickelt, dass er schon den Überblick verliert. Um Wissen zu sammeln, organisiert er sogar einen Fan-Club. Sein frustrierter Zusammenbruch, als er erkennt, dass Sherlock ihm nicht die echte Geschichte erzählt hat, kann als vorher genommene Reaktion der Fans interpretiert werden.


#SherlockNotDead

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Die Einleitung findet sich hier. Den theoretischen Hintergrund behandle ich im Post Serien – Fans – Produsage.

 

*********Spoilers für The Reichenbach Fall
Die Frage danach, wie Sherlock Holmes den Sprung vom St. Barts Krankenhaus überlebt hat, beantworten die Fans zwar nicht in ihren Fanfictions, aber sie beschäftigen sich zwei Jahre lang, exzessiv damit. Nicht nur in Sherlock-Fanforen, auf Buzzfeed, Blogs, Tumblr (beispielsweise hier und hier), in diversen YoutubeVideos und in Frageforen, es gibt ganze Websites, die nur der Frage “How did Sherlock fake his deat” gewidmet sind– das Internet ist voll von Spekulationen, wie Sherlock wohl seinen eigenen Tod gefaked haben mag 1.
Die Fans spielen, ausgelöst durch das Ende der zweiten Staffel, The Great Game auf einer neuen Ebene. Statt aus der Perspektive von John Watson und Sherlock Holmes nicht aufgelöste Fälle zu erzählen, werden sie selbst zu den Detektiven und lösen ihren eigenen Fall. Angestachelt werden sie dabei noch von Steven Moffat, der einige Tage nach der Ausstrahlung der Folge, amüsiert über das sofort explodierende Rätselraten im Internet äußert „and there’s one clue that everyone’s missed. It’s something that Sherlock did that was very out of character, but which nobody has picked up on.“2 Da Moffat niemals einen weiteren Tipp dazu gibt, was genau dieser übersehene Hinweis sein könnte, drehen und wenden die Fans die Folge immer und immer wieder auf der Suchen nach Aspekten, die sie noch nicht analysiert haben. Andererseits sind die Fans selbstironisch genug, ihr eigenes Verhalten zu beobachten und zu karrikieren:
Moffats-Hint

Go on then…what are your theories=

Am intensivsten diskutieren Fans die Theorien dazu, wie Sherlock überlebt im Sherlock-Fan-Forum sherlock.boardhost.com. Neben allgemeinen Diskussions-Foren gibt es dort Unterforen für jede Staffel. Dort können die einzelnen Episoden diskutiert werden. Für die Theorien zu The Reichenbach Fall gibt es dort eine eigene Unterkategorie mit 82 Topics und insgesamt 2314 Beiträgen 3. Mit insgesamt über 4800 Beiträgen wird diese Folge nur noch von His Last Vow übertroffen, die mit knapp 6800 Beiträgen diskutiert wurde. 4
Die Schlüsselfragen, die sich die Fans auf der Suche nach der Lösung des Rätsels stellen sind: Springt Sherlock selbst vom Dach (und wenn ja, wie überlebt er)? Wer hilft Sherlock? Ist es tatsächlich Sherlock, den wir am Boden liegen sehen? Und natürlich: Was ist der Hinweise, das für Sherlock ungewöhnliche Verhalten?
Nachdem die Fans Sherlock beinahe überanalysiert haben, fassen sie die Ergebnisse ihrer Theoreien in vier verschiedenen Umfragen netter Weise auch gleich selbst zusammen (Klick aufs Bild führt zur Seite mit der Umfrage):
Poll1
*********Spoilers für The Empty Hearse
Die Fans sind sich zwar tendenzell darüber einig, dass Sherlock selbst vom Dach gesprungen ist, aber streiten mit großem Enthusiasmus darüber, wie er den Aufprall so abfedert, dass er den Sturz überlebt. Eine Theorie, die im Forum selbst nicht besonders ausführlich diskutiert wird, aber später in der Serie aufgegriffen wird, ist, dass Sherlock mit Hilfe eines Bungee-Seils vom Dach springt . Ansonsten kreisen die Gedanken der Fans vor allem um einen Laster voll Müllsäcke, der in der Folge direkt neben der Stelle steht, an der später Sherlocks Körper zu sehen ist. Als Grund dafür wird unter anderem angeführt, dass der Truck zwei Mal beim wegfahren beobachtet werden kann . In diesem Zusammenhang wird auch über Editing-Fehler gesprochen. Beekeeper äußert:

Ha, I really really hope they avoided edit errors! I’m kind of assuming that they knew that this scene would be watched obsessively by fanboys and fangirls and hopefully didn’t put in stuff like jumping trucks by accident I am assuming its very carefully crafted and I’ll be really disapointed if it turns out he has unmentioned superpowers or something deus ex machina.

Der Gedanke, dass Sherlock in den Laster selbst springt, wird schnell wieder verworfen, weil der Laster zu weit vom Gebäude entfernt steht. Stattdessen wird im gleichen Thread vorgeschlagen, dass Sherlock auf ein Sprungkisssen oder ein vom Homeless Network gehaltenes Sprungtuch fallen könnte. Um besser analysieren zu können, was passiert sein könnte, wird auf das Blog von Quarryquest verlinkt, die in einer ausführlichen Fotodokumentation das Filmset von St. Barts beschreibt. Allerdings kritisiert hypergreenfrog, dass die Bilder zwar nett seien, aber nichts Neues zu den Theorien hinzufügen würden. Zur Analyse des Stets gehört auch die frage nach den Kreidemarkierungen am Boden, die als Hinweis dafür interpretiert werden, dass an dieser Stelle das Sprungkissen oder -tuch positioniert war. Denn wenn man Sherlock am Boden sieht, liegt er innerhalb der Markierungen. Die Fans stellen dann fest, dass tatsächlich keine Kreidemarkierungen sondern Pflastersteine zu sehen sind und stellen sich darauf hin die Frage, ob dies die Theorien falsifiziere oder nur geschickt die gegebenen Örtlichkeiten ausnutzt.
Mit ihrer detailverssenen Analyse erinnern die Fans von Sherlock ein bisschen, an die von Survivors. Survivors ist ein Dschungelcamp-Vorläufer, bei dem verschiedene Kandidaten an einen exotischen Ort gebracht wurden und dann in Gruppen gegeneinander ums „Überleben“ kämpfen mussten. Eine Gruppe von Fans dieser Serie hat das im Internet üblicherweise verschmähte „Spoiling“5 zum Spiel gemacht. Ziel davon war, vor dem Ende Ausstrahlung herauszufinden, wer den Preis als Überlebender gewinnt. Möglich wurde dies, weil die Folgen vor Ausstrahlung abgedreht wurden 6. Dazu wurde besonders nach Drehorten und möglichen Kandidaten und deren Veränderungen während des fraglichen Drehzeitraumes fahndet. Die Fans nutzen dazu typische produsage-Methoden, indem jeder das Wissen beitrug, das er selbst einbringen konnte. Es entstand eine Art Kampf gegen die Produzenten, die, damit die Serie interessant blieb, immer mehr falsche Fährten für die Fans einbauen mussten 7.
Während den Fans von Survivors als Reality-TV echte Menschen und Orte für ihre Analysen zur Verfügung standen, versuchen die Fans von Sherlock ähnliches für eine fiktionale Geschichte zu leisten. In der Folge müssen sie auch auf die Methoden der Erzählforschung und Medienanalyse zurückgreifen. Sie tun dies, wenn sie Schnitte wie bei der schon erwähnten Truck-Theorie analysieren oder die Folge in verschiedenen Geschwindigkeiten ansehen: „super slo-mo on a Blu-ray will show it“ 8. Moriartys „IOU“-Äußerung und die in der Folge mehrfach erwähnten Märchen der Grimms werden als Leitmotive betrachtet. Besonders schön ist dies in Pretty Things & Monsters ausgeführt, auch wenn die Fans auf sherlock.boardhost einwenden, dass sich diese Theorie zu weit vom Doyleschen Kanon entfernt, an den sich Moffat und Gatiss üblicherweise halten 9.
Bei der Suche nach Hinweisen und Zeichen kommt es auch schon mal zu Überinterpretationen. So stellt Irene Adler beispielsweise die Frage, ob Sherlock etwas in der Hand hält, während er mit Moriarty auf dem Dach steht und redet. Über ca. 50 Einträge hinweg diskutieren verschiedene Menschen darüber, ob tatsächlich ein Gegenstand zu sehen ist, oder ob es sich nur um Schatten und Lichtreflexe handelt und illustrieren ihre Beiträge mit Youtube-Videos und Screenshots. Am Ende herrscht dann aber doch Einigkeit, dass der Wunsch danach etwas zu sehen die Deduktionsfähigkeit etwas eingeschränkt hat: „Pity, I was really wanting to see something“ 10

Poll2
Die Fans sind sich also vollkommen einig, dass Molly Sherlock auf jeden Fall geholfen hat. Hinzu kommt eine große Mehrheit, die der Meinung ist, dass Sherlocks Homeless Network im Prinzip die gesamte Straße abgesperrt hat (bespielsweise hier und hier. Kazza474 argumentiert, dass Mollys und Mycrofts Mitwissen und Mithelfen nötig ist, damit keine Fragen von offizieller Seite gestellt werden und Sherlock offiziell als tot gelten kann.

Eine weitere wichtige Frage für die Fan ist, ob Sherlock nicht nur selbst springt, sondern auch derjenige ist, der am Boden liegend gesehen werden kann. Und falls er es tatsächlich selbst ist, wie er für John, der seinen Puls nimmt, überzeugend tot erscheint.
Poll3
Die beiden beliebtesten Theorien (gegen die jeweils ungefähr so viele Gegen- wie Pro-Argumente angeführt werden) sind, dass Sherlock vor seinem Sprung das Gift Rhododendrum Ponticum schluckt 11, beziehungsweise dass er mit Hilfe eines Gummiballs unter der Achsel seinen Puls stoppt. Die Theorie mit dem Gummiball entsteht, weil Sherlock früher in der Folge gezeigt wird, wie er im Labor einen Gummiball wirft, darüber hinaus wird angeführt, dass es ein funktionierender Taschenspieler-Trick ist um einen Puls zu stoppen 12 Allerdings wird als Gegenargument angeführt, das Sherlock während des Falls den Ball nicht verlieren dürfte und wo er ihn so sicher aufbewahrt 13. Auch persönliche Vorlieben spielen darüber hinaus eine Rolle. Sherlockian111 merkt an:

I don’t particularly like the ball-stopping-the-pulse theory. For one, where would the ball be when Sherlock is falling? Becuase if you have the ball-stopping-the-pulse theory, then the body falling is definitely Sherlock’s. The ball most likely would not stay in place while he was falling, and we don’t see him put it into place when he is lying on the ground. Also, that theory (to me) just doesn’t seem very Sherlock? I don’t know, it could be right, but I don’t know…

Der Vollständigkeit wegen sei auch noch die letzte Umfrage erwähnt, auch wenn die Frage danach, womit genau Molly Sherlock hilft, in den Beiträgen, die ich gelesen habe, nur nachrangig diskutiert wurde:
Poll4

Die wichtigste Frage, die beinahe alle Beiträge durchzieht, entsteht durch die oben zitierte Bemerkung von Moffat, dass ein Schlüsselhinweis etwas sei, das alle übersehen hätten und das für Sherlock untypisch sei. Allerdings analysieren die Fans die Folge so lange, bis ihnen jedes Detail uncharakteristisch erscheint und sie sich völlig mit der Folge befremdet haben 14. Als untypisches Verhalten wird beispielsweise Sherlocks Umgang mit Molly interpretiert, der auch als Hinweis dafür gesehen wird, dass Molly zu Sherlocks Mitwissern und Helfern gehört. Allerdings bemerken die Fans das so früh, dass sie es nicht als den Hinweis interpretieren, den Moffat meint. Eine der Theorien, die jedoch immer wieder vertreten werden, ist, dass es für Sherlock ungewöhnlich sei, so sehr im Rampenlicht zu stehen, wie er es zu Beginn von The Reichenbach Fall tut. Während er in The Great Game John noch anweist: „Don’t make people into heroes John. Heroes don’t exist and if they did I wouldn’t be one of them.“, lässt er sich nun zum Helden stilisieren. Kazza474 interpretiert dies als Methode, um Moriarty dorthin zu bekommen, wo Sherlock ihn braucht, um seine Freunde zu retten:

Sherlock becoming a hero and being splashed across the media would have irked Moriarty to no end. (I don’t think Sherlock was too thrilled with it either, but a man’s gotta do what a man’s gotta do!)

Denn während die Fans zwar nicht wissen, wie Sherlock sich (nicht) umbringt, so ist doch sehr deutlich klar, weshalb er es tut: Um Moriarty loszuwerden und seine Freunde vor dessen Assassins zu retten, muss Sherlock sterben.

Aside: Sherlock Holmes und Doctor Who

Um das Forschungsfeld einzuschränken (und weil der Hauptteil der Theorien doch innerhalb des Sherlock-Universums bleibt), habe ich ich mich nicht weiter damit auseinander gesetzt, welche Theorien zu Sherlocks Überleben es gibt, die das Universum verlassen. Weil sich aber die Fan-Gemeinden von Sherlock und Doctor Who so stark überschneiden – was schon dadurch gefördert wird, dass Doctor Who als Sci-Fi-Hommage an Sherlock Holmes begann und dass aktuell beide Serien von Steven Moffat und Mark Gatiss geschrieben werden – hier doch noch ein besonders schönes Beispiel, dafür wie Wholocks (also Fans beider Serien), das Sherlocks Überleben begründen 15:

Oder mit Bild-Material aus Doctor Who (2005) S06E02 The Day of The Moon:

In dieser Episode von Doctor Who wird tatsächlich die Protagonistin River Song nach ihrem Sprung von einem Wolkenkratzer gerettet, indem der Doctor seine Raum-Zeitmaschine TARDIS so parkt, dass River Song in den Swimmingpool fallen kann (Mehr zum Plot bei Wikipedia). Der User Wholocked kommentiert in seinem Post das gif so:

I already know how he survived. The Doctor parked the Tardis on the side of the building…see?

In The Empty Hearse lässt sich übrigens auch ein Referenz auf diese Fan-Theorie finden, denn auf Andersons Wand mit Zetteln gibt es ein Bild, das eine Tardis zeigt. (Von den Fans wird das wiederum in diesem Thread diskutiert)

Red Herrings, falsche Fährten und Editing

Ein großes Problem für die Fans bei der Analyse der Folge stellten so genannte Red Herrings 16, oder falsche Fährten nach. Denn wie kazza474 bemerkt:

Red herrings are the only defence Moftiss17 has against failure for this series. To tell the tales ‘straight’ would soon become boring. They have an inquiring audience that demands to be tested. I’d say the ‘misleads’ are more the fault of the viewer for ‘assuming’ which is something Sherlock would never do.

*********Spoilers für The Empty Hearse
Da allerdings nur im Nachhinein gesagt werden kann, was echte Hinweise und was Red Herrings sind und Moffat und Gatiss bisher noch nicht aufgelöst haben, wie Sherlock es schafft zu überleben, kann bisher nicht gesagt werden, welche Hinweise falsche Fährten sind. Sicher ist jedenfalls, dass die Fans jeden einzelnen Hinweis, der zu finden ist, analysiert haben.
*********Ende Spoilers für The Empty Hearse

Ein Beispiel für einen Red Herring, aus der Serie, der schon gelöst ist, ist dass Mycroft in A Study in Pink zunächst als „criminal master mind“ vorgestellt wird, bis sich schließlich herausstellt, dass es sich um Sherlocks Bruder handelt, während Jim Moriarty in The Great Game zunächst als harmloser, wenn auch seltsamer Freund von Molly vorgestellt wird 18.

Neben Red Herrings sind besonders Fehler beim Dreh und Schnitt für die Fans ärgerlich. Gerade in einer Folge, die so detailliert analysiert wird, finden Fans solche Fehler, wie oben bereits erwähnt, ärgerlich. Dennoch gibt es verschiedene Stellen, an denen die Fans von Fehlern ausgehen. So gibt es beispielsweise einen Screenshot von Martin Freeman, auf dem er offensichtlich einen Hörer im Ohr hat. Die Fans beschreiben diesen aber als „Nothing to do with any theories just a mistake we were not ment to notice.“ 19 oder „To me, this “ear piece” – if it happens to be an actual one – isn’t something John’s wearing but Martin.at the utmost.“ 20.

 

Weiter geht es mit Teil 2 meiner Analyse Be careful what you post on Tumblr….
 

  1. die hier gesetzten Links lassen besonders jede Menge Blogs und Tumblrs aus, die sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigen und sind überhaupt höchstgradig subjektiv aufsgewählt. Insbesondere die Berichterstattung auf den Onlineausgaben von (britischen) Zeitungen fehlt hier, obwohl diese durchaus den Hype um Sherlock mitmachen.
  2. Radiotimes
  3. Stand: 13.05.2014
  4. Dabei ist allerdings anzumerken, dass gerade durch den Fan-Kult der mit dem Ende der zweiten Staffel entstand, weitere Zuschauer für die dritte Staffel begeistert wurden, die sich dann wiederum an Diskussionen beteiligen. Außerdem endet natürlich auch die dritte Staffel mit einem ähnlichen Cliffhanger.
  5. Da in Diskussionen über Serieninhalte häufig sehr detailliert über die einzelnen Folgen gesprochen wird, kann es passieren, dass Menschen die diese noch nicht gesehen haben, das Ende verraten wird. Um dies zu vermeiden und auch anderen das „erste Mal“-Erlebnis gesehen, werden häufig so genannte Spoiler-Alerts gesetzt. Jenkins (2006) S. 30
  6. Jenkins (2006) S. 39
  7. Jenkins (2006) S. 30
  8. sj4iy
  9. beekeeper
  10. Irene Adler
  11. sherlocked
  12. The Doctor
  13. kazza474
  14. Sherlock Holmes listet in seinem Beitrag eine Reihe von Dingen auf, die ihm untypisch für Sherlock erscheinen
  15. Außerdem konnte ich als Doctor Who-Fan es natürlich nicht unterlassen Doctor Who ins Spiel zu bringen
  16. zur Herkunft des Begriffs siehe io9
  17. Moftiss ist die Zusammenziehung aus Moffat und Gatiss, die faule Fans aus Vergnügen benutzen
  18. Vgl. tobeornot221bs Kommentar
  19. shouldbestudying
  20. tobeornot221b

Serien, Fans und Produsage

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Die Einleitung zu diesem Artikel findet sich hier.
 

Fernsehen findet heute eigentlich im Internet statt. Fans streamen ihre Lieblingsserien, sammeln und diskutieren in Wikis und Foren jedes Detail, das es über Schauspieler, Produzenten und Inhalte zu finden gibt, und führen darüber hinaus die Geschichten in Fanfiction, Fan Art und Fan Videos selbst fort. Serielles Erzählen im TV, Fans und Formen von Produsage haben die Medienlandschaft verändert.

Serialität

Im Tagungsband „Populäre Serialität“ betont Frank Kelleter den Zusammenhang von Populärkultur und Serialität 1. Serien zeichnen sich dadurch aus, dass sie fortlaufenden Geschichten sind, die der Wiedererkennbarkeit wegen standardisiert sind, gleichzeitig aber immer neue Wendungen nehmen müssen, um spannend zu bleiben 2. Serien sind leicht in das Alltagsleben zu integrieren und können

eine geradezu epidemische, d.h. außergewöhnlich reproduktionsintensive und differenzierungsfreudige Wirkung auf die alltägliche und zunehmend auch die öffentliche Kommunikation ihrer Leser, Zuschauer und Produzenten entfalten“ 3

Bedingt wird dies vor allem durch einen Veränderung des seriellen Erzählens, die vielfach an der amerikanischen Serie The Sopranos (HBO 1999-2007) festgemacht wird. Im so genannten Quality-TV werden „narrativ komplexe Sendungen“ 4 gezeigt, die sich deutlich von konventionellen Produktionen unterscheiden: Sie kombinieren episodische Handlungsstränge mit multiepisodischen Handlungsbögen 5 und haben eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit 6. Durch diese veränderte Erzählstrategie verschiebt sich das Interesse der Zuschauer von den Erzählinhalten auf die Art und Weise, wie erzählt wird 7. Serien die so erzählt werden, zeichnen sich durch eine hohe „rewatchability“ 8 aus, Fans gucken diese Serien wieder und wieder und können dabei immer neue Facetten der Erzählung entdecken. Diese Fans werden auch selbst aktiv, indem sie über die Serien diskutieren. Ihr Feedback wird für die Autoren und Autorinnen der Serien und den weiteren Verlauf der Geschichten wichtig 9. Aber auch für die Verbreitung der Serien über verschiedene mediale Systeme, unterschiedliche Medienökonomien und nationale Grenzen ist die aktive Teilnahme der Seriengucker wichtig 10.

Fans

Fans tun ganz explizit das, was alle anderen auch tun: Sie beschäftigen sich jeden Tag mit Texten und Medien. Sie gehen mit diesen (und ihrem Fan-Sein) spielerischen um und nehmen sich selbst meist nicht allzu ernst 11. Da Fans den medialen Wandel repräsentieren werden sie für die Rezeptionsforschung besonders relevant 12. Faye beschreibt in ihrem Vorwort zu Sherlock and Transmedia Fandom die Gefühlslage von Fans:

„What we want is more stories, and we will find them – one way or another, and by various methods, each suited to our nature and our age and our tastes and our creativity.“ 13

Eine besondere Rolle bei der Fortführung von Geschichten durch Fans spielt Fanfiction. Diese erfüllt nicht nur das Bedürfnis von Fans nach immer weiteren Geschichten. Durch Fanfiction füllen Fans auch Lücken die in der seriellen Erzählung vorhanden sind 14, oder interpretieren Figuren und Handlungen ganz anders als im Original, wenn ihre Leseerwartung von den Autoren nicht erfüllt wird 15. Durch das Internet und Seiten wie fanfiction.net w oder livejournal.com können Fans dabei nicht nur ihre Geschichten besonders leicht veröffentlichen, sondern auch gegenseitig kommentiern und so verbessern und verändern. Auch multible Autorenschaften und intertextuelle Verweise werden auf diesen Plattformen erleichtert 16. In ihrem Band zu Fanfiction schreibt Jamison: „Sometimes, at some of its best times, fanfiction is a game writers play for the game‘s own sake.“ 17.

Zwischenbemerkung: Sherlock Holmes und Fanfiction

Während Harry Potter zumindest auf fanfiction.net, einer der größten Seiten auf der Fanfiction publiziert werden kann, mit über 680000 Geschichten 18 das Buch mit den meisten Fanfictions ist, kann Sherlock Holmes auf eine sehr lange Geschichte der Pastiches und Fanfictions zurückblicken 19. Sherlock Holmes, ist nach Jamison, die Figur mit den meisten spin-offs, Pastiches und Adaptionen in den unterschiedlichsten Medien 20. Diese Geschichten wurden in Fanzines, also von Fans herausgegebenen Magazinen, veröffentlicht. Üblicherweise erzählen sie im Doyleschen Kanon erwähnte, aber nicht ausgeführte Fälle 21. Als Modus der Erzählung wählen die Fans dabei den gleichen Stil, wie A.C. Doyle 22. Sie spielen „The Great Game“, in dem sie die Geschichten von Sherlock Holmes so betrachten, als hätte es Sherlock Holmes und John Watson tatsächlich gegeben. Doyle wird in diesem Kontext nur noch zum Chronisten, der reale Ereignisse aufschreibt 23. Weil sich Fans durch diesen Schreibmodus besonders intensiv mit den Figuren und dem Stil des Kanons auseinandersetzten, haben sie ein „even more complicated relationship with the fidelity of adapitions than does the average critical fandom.“ 24
Im Internet finden sich Geschichten zu Sherlock Holmes allerdings erst, seit der Veröffentlichung von Sherlock (BBC 2010-) 25. Auf fanfiction.net gehört Sherlock mit 46200 Geschichten zu den Top 5 der Serien 26 Grund für diese extrem Hohe Zahl an Geschichten ist, dass Sherlock mit 3 Staffeln pro Episode eine ausnehmend kurze Serie ist und die einzelnen Staffeln darüber hinaus auch noch mit einem Abstand von zwei Jahren gesendet werden.
Hiatus
Dennoch ist die Serie sehr erfolgreich, und das obwohl Sherlock Holmes viele Eigenschaften (wie beispielsweise sein Drogenmissbrauch) und ikonographische Details (der Deerstalker) fehlen, die sonst für Adaptionen üblich sind. Gleichzeitig steckt sie aber voll Referenzen auf den Kanon der Geschichten von Doyle, die auch immer noch wirken, obwohl Sherlock keine historische sondern eine moderne Adaption ist. Die Serie spielt im England des 21. Jahrhunderts und Sherlock Holmes benutzt moderne Technologien um seine Fälle zu lösen. Auch die Visualiserung der Handlung durch Kameraführung und Texteinblendungen ist sehr modern. Allerdings kritisiert Balaka Basu, dass Sherlock viele Aspekte des modernen Lebens in Londen unterschlage und wirke wie eine Vorstellung des 21. Jahrhunderts aus dem 19. Jahrhundert gesehen 27.
Da die Regeln von Fanfiction weniger streng sind, als die von „The Great Game“ 28 und das Bedürfnis der Autoren mehr über die Figuren zu erfahren groß ist 29, gibt es keine Variation von Figurenkonstellation oder Handlung mehr, die zu Sherlock noch nicht erzählt ist: „There‘s not one lonely little kink left unloved in the Sherlock fandom.“ 30. Die Geschichten auf fanfiction.net drehen sich dabei vor allem um die emotionalen Aspekte der Serie. Denn während zwar von allen Figuren immer wieder eine romantische Beziehung zwischen Sherlock und John angedeutet wird, streiten die beiden diese mit einer Vehemenz ab, die es verlockend macht ihre Geschichte anders zu erzählen. Unter dem Hashtag #Johnlock schreiben Fans zu allen Aspekten der Bromance.
*********Spoilers für The Reichenbach Fall
Auch das Ende von The Reichenbach Fall wird in Fanfictions ausgiebig thematisiert. Denn obwohl sich die gesamte Episode nur darum dreht, zu erzählen, wie Sherlock Selbstmord begeht, wissen die Zuschauer zwar am Ende, wie es dazu kam, aber nicht, wie es passieren konnte, dass er doch überleben konnte. Die Fanfiction zu The Reichenbach Fall bleibt allerdings vornehmlich innerhalb der Regeln von The Great Game und damit in der Perspektive von John Watson, der im Gegensatz zu den Zuschauern nicht weiß, dass Sherlock Holmes noch lebt. Die Geschichten erzählen also besonders den Trauerprozess der unterschiedlichen Charaktere.
*********Ende Spoilers für The Reichenbach Fall

Produsage

Die Interaktion von Fans mit ihren Serienhelden oder der Übergang vom passiven Konsum zur aktiven Nutzun markiert einen Kulturellen Shift, den Jenkins als „convergence culture“ 31 bezeichnet: „Convergence involves both a change in the way media is produced and a change in the way media is consumed.“ 32. Der gleiche Prozess wird von Bruns als „produsage“ beschrieben und detailliert ausgeführt. Produsage steht ihm zufolge im direkten Kontrast zur industriellen Produktion und ist durch einschneidende Veränderungen in der Produktionskette von Produzenten über Händler zu Konsumenten geprägt 33. Durch das Internet als Massenmedium verändert sich der Zugang zu Informationen und Produktionsmitteln, es entstehen peer-to-peer Modelle sozialer Organisation und das Teilen von Inhalten wird immer einfacher 34. Konsumenten werden zu Nutzern und können mit den Produzenten auf gleicher Ebene kommunizieren 35. Im Internet werden Nutzer aktiv involviert, die Trennung zwischen Produktion und Nutzung von Inhalten kann immer weniger klar vollzogen werden 36. In diesem „Produktionsprozess“, der in viele kleine Einzelschritte geteilt ist, die jederzeit von allen eingesehen werden können, ist jeder Beitrag gleichwertig. Das Produkt, das am Ende entsteht ist der Allgemeinheit zugänglich 37, oder nach v. Hippel ein „commons“ 38, das ständig in Entwicklung bleibt 39.

Sherlock entsteht als Fanprodukt von Steven Moffat und Mark Gatiss 40. Durch die geschickte Übertragung in die Moderne, schaffen Moffat und Gatiss es die Serie außerhalb des üblichen Fan-Diskurses zu stellen und so sowohl neue Zuschauergruppen zu erschließen, als auch die alten Sherlock-Holmes-Fans, die eigentlich besonders kritisch sind, für sich zu gewinnen 41. Dadurch wurde die Serie für die Forschung besonders interessant, denn es können nicht nur individuelle und gemeinschaftliche Fan-Zugänge, sondern auch unterschiedliche Generationen von Fans analysiert werden 42. Obwohl die Serie explizit ein Fan-Produkt von Moffat und Gatiss ist, stellen sowohl Hills als auch Basu in ihren Analysen fest, dass die beiden als Autoren Fanfiction zwar anerkennen, aber sich und die Serie zumindest in den ersten beiden Staffeln davon distanzieren 43. In der Folge gebe es auch kein „folding text“ (nach Berger/Marlow), „where non-canonical fan wirting can supposedly be folded back into canonical, professional screenwriting.“ 44 Dabei regt die Serie als teil von „media culture permeated with clues and vital knowledge,“ 45 die Fans ganz besonders dazu an über die erzählten Geschichten zu spekulieren.
 

Weiter geht es mit Teil 1 meiner Analyse #sherlockNotDead und Teil 2 Be careful what you post on Tumblr…

  1. (Kelleter) S. 12
  2. (Kelleter) S. 22
  3. (Kelleter) S. 23
  4. (Mittell) S. 97
  5. (Mittell) S. 106
  6. (Mittell) S. 110, (Kelleter) S. 21
  7. (Mittell) S. 111
  8. (Mittell) S. 102
  9. (Mittell) S. 104
  10. Jenkins, H. (2006) Convergence Culture. Where Old and New Media Collide. New York, London. S. 3
  11. (Booth) S. 12
  12. (Booth) S. 1
  13. (Faye) S. 2
  14. (Booth) S. 6
  15. (Jamison) S. 31
  16. (Faye) S. 2f
  17. (Jamison) S. 8
  18. https://www.fanfiction.net/book/ zuletzt eingesehen: 12.05.2014
  19. Im Gegensatz zu Fanfiction, die ausschließlich dadurch definiert wird, dass sie eben von Fans geschrieben wird, imitieren Pastiches auch den Stil ihres Vorbildes.
  20. (Jamison) S. 40
  21. (Jamison) S. 43
  22. Polasek, A. D. (2012) ‘Winning “The Grand Game”. ‘Sherlock’ and the Fragmentation of Fan Discourse’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 41–54. Hier: S. 43
  23. Stein, L. E. & Busse, K. (2012) ‘Introduction: The Literary, Televisual and Digital Adventures of the Beloved Detective.’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 9–24. Hier: S. 18
  24. Polasek (2012) S. 44
  25. (Jamison) S. 46
  26. https://www.fanfiction.net/tv/ zuletzt eingesehen: 12.05.2014
  27. Basu, B. (2012) ‘‘Sherlock’ and the (Re)Invention of Modernity’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 196–209. Hier: S. 199
  28. Polasek (2012) S. 49
  29. (Faye) S. 5
  30. (Atlin Merrick) S. 50
  31. Jenkins (2006) S. 3
  32. Jenkins (2006) S. 16
  33. (Bruns) S. 9
  34. (Bruns) S. 13f
  35. (Bruns) S. 14
  36. (Bruns) S. 18
  37. (Bruns) S. 19f
  38. (Bruns) S. 23
  39. (Bruns) S. 22
  40. Adams, G. (2012) Sherlock. The Casebook. Wemding. S. 2f
  41. Polasek (2012) S. 41f
  42. Stein/Busse (2012) S. 16
  43. Hills, M. (2012) ‘”Sherlock’s” Epistemological Economy and the Value of “Fan” Knowledge. How Producer-Fans Play the (Great) Game of Fandom’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 27–40. Hier: S. 34f; Basu (2012) S. 209
  44. Hills (2012) S. 35
  45. Hills (2012) S. 31f

Netography

Gebloggt am: 30.04.2014 von Lisseuse

Feldforschung im Internet hat jede Menge Namen, netography finde ich am witzigsten. Es trifft allerdings nicht so recht, was ich grade mache, weil ethnographisches Arbeiten im Netz dann vielleicht doch bedeuten sollte, dass ich Interviews führe, mich selbst an Diskussionen beteiligen. Tatsächlich nutze ich das Internet für meine Hausarbeit über Fans von Sherlock (BBC 2010-) aber ja doch vor allem als “statische” Quelle. Dennoch stelle ich die ganze Zeit fest, das Forschen im Internet zwei Probleme mit sich bringt:

1. Wie bitte soll ich es schaffen, im Netzt Daten zu generieren, ohne mich die ganze Zeit zu verzetteln? Bei Themen, die mich interessieren ist es doch schwer genug nicht auf jeden Link zu klicken. Aber jetzt habe ich auch noch die (fadenscheinige, weil völlig unrealistische) Begründung, dass ich ja einen Überblick über mein Forschungsfeld brauche. Und wo ist eigentlich der Punkt, wo meine Daten repräsentativ sind? Selbst wenn ich gar keine quantitative, sondern eine qualitative Arbeit schreibe? Wie werden Arbeiten über das Netz valide, zumindest einigermaßen?

2. Traditionelle Hausarbeiten sind DEFINITIV nicht die geeignete Form, um über das Internet zu schreiben. Ich möchte Links setzen, Videos und Bilder einbinden und überhaupt würde sich doch bei einer Arbeit über Phänomene, die im Netz stattfinden auch anbieten, eine Form zu wählen, die diese repräsentiert. Warum kann ich keinen Blogeintrag einreichen?


Leseliste (14): 01.04.2014

Gebloggt am: 01.04.2014 von Lisseuse

Gelesen:

Maximilian Buddenboom und Isabel Bogdan haben ein neues Blog-Projekt ins Leben gerufen (das sie auf Twitter schon seit Wochen anteasern). Im neuen Blog Was machen die da? lassen sie Menschen von ihren Berufen erzählen. Sehr spannend zum Beispiel der erste Artikel über den Museumskurator Michael Merkel.

Satire in der Zeit. Die Wunderhaare der Wanderhure. Ist klar… Wow! So sehr habe ich schon lange nicht mehr über einen Text gelacht. Etwas unpraktisch, dass ich beim Lesen versucht habe Zähne zu putzen. Jetzt muss ich wohl meinen Badspiegel neu putzen. Und das Tablet.

Manchmal wundert es mich ja nicht, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht weiter fortgeschritten ist, sondern, dass sie überhaupt schon so weit ist. Für die Masterarbeit lese ich Sekundärliteratur über historische Zeitschriften. Gerade bin ich im Kapitel „Weibliche“ und „männliche“ Kleidung, es geht darum, dass um 1800 für Frauen plötzlich flache Schuhe modern werden, in denen man besser laufen und sich bewegen kann.

Schon eine Veränderung der Schuhmode konnte die Fügung dieser Welten sinnbildlich stören. Die Mode flacher Absätze wurde zum Gegenstand von Reflexionen über die Beziehung zwischen Mann und Frau sowie zum Ausdrucksmittel weiblichen und männlichen Selbstverständnisses. Diese Schuhmode wurde auf das weibliche Streben zurückgeführt, von den Männern unabhängiger zu sein. Bekämpft wurde mit ihr aber vor allem die Möglichkeit der Frauen, auch dergestalt „aufzutreten“. Sie hätten durch ihre Übernahme nichts gewonnen, denn der „firm and bold step“, der mit den neuen Schuhen möglich sei, sei „not exactly adapted to their sex“.

Die Nachteile dieser den „Geist der Zeit und seine tief einätzende Spur“ spiegelnden „Absatz-Umwälzungen“ schienen gravierend. Frauen konnten all das verlieren, was ihre „sanfte, hingebende nachfolgende“ Weiblichkeit ausmache. In bekannter Argumentation konnte eine Angleichung an das männliche Geschlecht mindestens zum Verlust weiblicher Anziehungskraft, wenn nicht auch der moralischen Integrität führen.

[…]

Doch setzte, und dies schien ausschlaggebend, der freie Schritt den Mann zurück. Er verletzte ihn in seinem Überlegenheitsgefühl, denn schließlich fühle er „seinen eigenen Werth in der erhöhten Kraft“ und legten „die Hohen Kacken jedem Weibe ungesehene Fesseln an (…), wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde.“ Der aufrechte, gerade, zielstrebige Gang gehörte in der „bürgerlichen Gehkultur“ dem Mann zu, der Frau die „trippelnden Schritte“ – wobei hier nicht zuletzt die erotische Komponente von Schuhe und Gang eine Rolle spielten. Der wenig sichere Schritt als Ausdruck der Schwäche mach die Frauen anziehend, so die zuverlässige Auskunft des männlichen Autors […]