Der Geruch von Büchern – Hisako Inoues Bibliothek der Gerüche

Vermutlich hat jeder, der sich einmal im Antiquariat nach Büchern umgesehen hat, ein Buch nach dem ersten Griff wieder weggelegt, weil es so intensiv roch. Ein leichter Moderduft von zu feuchter Lagerung oder der starke Geruch nach Zigarrettenrauch sind wahrscheinlich die stärksten Büchergerüche.

Vermutlich war das eine Inspiration für Hisako Inoue, Bücher einmal anders zu präsentieren – nämlich mit einem Hauptaugenmerk auf ihren olfaktorischen und haptischen Eindruck. Hisako Inoue hat an der Joshibi Universität für Kunst und Design in Kanagawa studiert, an der sie seit  2004 auch als Dozentin tätig ist. Dabei hält sie auch Geruchsworkshops, um Geruchskunst praktisch erfahrbar zu machen. Seit 2013 arbeitet sie mit der Wissenschaftlering Dr. Mika Shirasu zuammen, die Gerüche an der Universität Tokio analysiert. Hisako Inoue war von August bis Oktober 2016 Stipendiatin der Villa Waldberta und präsentierte von Oktober 2017 bis Januar 2018 in der Ausstellung “Ricochet # 11: Hisako Inoue – Die Bibliothek der Gerüche” der Villa Stuck eine Auswahl antiquarischer Bücher. Zudem gestaltete sie zwei weitere Räume, die sich im weitesten Sinne mit Büchern befassen.

Dabei war das Auswahlkriterium der Geruch und das Anfass-Gefühl der Bücher. Die Besucher sollten zunächst ein Buch unter der Glasglocke hervor nehmen, hinein schnuppern und mit geschlossenen Augen das Buch berühren. Anschließend sollten sie überlegen, woran einen der Geruch selbst erinnert. Spannend war, dass  Hisako Inoue zehn Bücher von Dr. Mika Shirasu, ei chemisch auf die Hauptkomponten des Geruchs untersuchen ließ. Diese Analyse war dann dem Buch als Netzdiagramm dargestellt, sodass man als Besucher schnell einen Überblick hatte, welche Geruchskomponenten hauptsächlich den Geruch des Buches bestimmten. Diese Hauptgeruchskomponten konnte man an einem weiteren “Riechtisch” jeweils extrahiert in einer Glasflasche noch einmal schnuppern.

 Trotz der Aufforderung die Bücher anzufassen und zu riechen, standen die meisten Besucher erst einmal unschlüssig vor den Tischen mit den Glasglocken. Großartig fand ich, dass die Raumaufsicht die Besucher ermunterte, die Bücher in die Hand zu nehmen, daran zu riechen und sie zu be-greifen. Die Bücher lagen auf zwei großen Tischen auf, im ehemaligen sehr hellen Speisesaal der Villa Stuck. Die größten Exemplare unter ihnen waren nicht durch eine Glasglocke geschützt. Es gab Bücher, bei denen man die leichte Vertiefung der in das Papier gepresste Lettern spüren konnte. Glatte und geprägte Einbände, ganz raues oder weiches Papier. Süßlicher Zigarrenrauch oder scharfer, grasiger Geruch. Ich persönlich fand ein Buch mit einem süßlichen, sommerversprechenden Geruch besonders gut.

Die einzelnen Titel, welche das danebenliegende Buch unter Glasglocke beschrieben, fand ich persönlich manchmal irreführend, manchmal jedoch sehr treffend. Besonders gefallen hat mir zum Beispiel die Beschriftung zu einem Buch, dass von Hisako Inoue als “Schweiß eines Redakteurs” betitelt war.

Auch im zweiten Raum der Ausstellung lenkte Hisako Inoue den Fokus der Besucher auf einen Aspekt von Büchern, den man meist nicht bewusst wahrnimmt: die Geräusche, die mit Büchern verbunden sein können. Schritte durch eine Bibliothek, das Rascheln der Seiten beim Umblättern. Das ganze war leider in einem kleinem Raum mittels mehrerer Lautsprecher umgesetzt. Man konnte sich leider nicht hinsetzen, was dazu geführt hat, dass viele Besucher nur kurz in den Raum eintraten und nur einen kleinen Ausschnitt der Geräusche wahrnahmen. Im Vergleich zum ersten Raum mit den Büchergerüchen ließ mich das eher unbeeindruckt – auch weil die Geräusche aus den Lautsprechern sehr leise waren und die Gehgeräusche bzw. Gespräche der Besucher ein Hinhören und Wahrnehmen schwierig machten.

Im letzten Raum der Ausstellung befand sich schließlich ein Kubus, dessen Wände mit zerknüllten Papier beklebt waren. Zusätzlich lagen auf dem Boden des Kubus weitere zerknüllte Papiere. Die Besucher sollten in den Kubus hineingehen und beim Verlassen ein weiteres Blatt Papier zerknüllen und hinzufügen, dass am Eingang des Kubus bereit lag. Ich fand diese eigenartig kuschlige Atmosphäre innerhalb des Kubus, innerhalb der “Grundmaterialen” von Büchern sehr beruhigend. Nicht alle Besucher konnten mit diesem Klotz voll von Papier etwas anfangen und interagierten nicht mit der Installation. Das war jedoch meiner Meinung nach genau der Reiz daran – Bücher bzw. Büchermaterialien auch räumlich wahrzunehmen – weg von der reinen Informations- bzw. Unterhaltungsqualität eines Buches hin zu den Materialen, der Beschaffenheit und des Geruchs, der die Wahrnehmung eines Buches letztendlich doch stark beeinflusst.

Mein persönliches Fazit zur Ausstellung ist, dass es ganz wundervoll ist, dass endlich jemand mal die olfaktorischen und haptische Dimension von Büchern in den Mittelpunkt rückt. Allerdings musste man schon sehr offen sein und Zeit mitbringen, um von der Ausstellung etwas mit zu nehmen. Denn ansonsten war man  wohl eher schnell bei der Feststellung, was denn besonderes an zweizwanzig antiquarischen Büchern sein sollte oder auch an zerknüllten Papier in einem Kubus. Ohne sich bewusst darauf einzulassen, nacheinander an den Büchern zu schnuppern und zu versuchen die feinen Geruchsunterschiede wahrzunehmen, war der Saal mit den Büchern nichts weiter als ein Saal mit 22 antiquarischen Büchern, die alle mehr oder weniger “gebraucht” rochen. Nur wer sich traute die Bücher ganz wahrzunehmen und mit eigenen Geruchserinnerungen zu verbinden suchte, konnte an der Ausstellung auch etwas über die reine Objektpräsentierung hinaus mitnehmen. Letztendlich hat dieser “emotionale” Aspekt auch eine Art “Individualisierung” des Ausstellungserlebnisses zur Folge. Denn letztendlich nimmt jeder die Büchergerüche anders wahr als der Besucher vor ihm und verbindet mit diesem bestimmten Geruch andere Erinnerungen: der Nachmittagskaffee bei der Oma mit dem starken Parfüm, der Onkel, der gerne Klassiker las und dabei Zigarre rauchte, Bücher, die nach langen Lesenachmittagen im Gras riechen oder an das Kinderzimmer in den 70er Jahren erinnern usw. Auch der Papierkubus lässt sich nur durch das eigene Hineingehen, umschauen und Raum wahrnehmen als “Kunst” erfahren, welches auf Bücher verweist. Bleibt man jedoch in der passiv-rezeptiven Haltung, so bleibt es ein Kubus, der mit geknüllten Papier gefüllt ist und zwei Drittel ds alten Ateliers von Franz von Stuck einnimmt. Ein Objekt, dass nicht in die Umgebung passt und noch weniger zu den ersten Assoziationen, die man zu Büchern hat. Diese Ausstellung war gewissermaßen nur durch die eigene Mitarbeit vollständig zu erleben – ganz anders, als dies bei den meisten anderen Ausstellungen ist, die eher passiv rezipiert werden.

Ich fand in dieser Ausstellung spannend, dass man die ausgestellten Bücher nicht über den Inhalt wahrnahm, sondern tatsächlich den anderen Sinneseindrücken Raum gegeben wurde. Für mich spielt der Geruch von Büchern beim Leseerlebnis eine große Rolle. Daher bestelle ich auch ungern bei Online-Antiquariaten, weil selten eine Angabe zum Geruch gemacht wird. Ein Buch, das jedoch für mich abstoßend riecht, kann ich nicht lesen, weil meine Sinne sich zu sehr mit dem Geruch beschäftigen und ich mich nicht auf den Inhalt des Buches konzentrieren kann.

 

 

 

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