Es ist und bleibt ein alter Streit unter den Historikern – inwieweit begrüßten die Österreicher den “Anschluss 1938” und das Hitler-Regime oder lehnten es ab?
Evan Burr Bukeys Buch “Hitlers Österreich” (2001 im Europaverlag erschienen), erforscht vor allem die Stimmung im österreichischen Volk und zeigt zudem Traditionslinien von geistigen Strömungen auf, die es den Nationalsozialisten vereinfachte, die Mehrheit der Österreicher für sich zu gewinnen bzw. keinen aktiven Widerstand enstehen zu lassen.
Dabei weist Burr Bukey auch auf die Unterschiede hin zwischen ‘Altreich’ und Ostmark und entkräftet durch seine Forschungsergebnisse die reine ‘Opferthese’, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg relativ schnell in Österreich gebildet hatte.
Im jeden Falle ein interessantes Buch, dass trotz wissenschaftlichen Thema verständlich geschrieben und gut gegliedert ist.
ARTigo ist ein Online-Spiel, das gleichzeitig der LMU München hilft, ihr digitalisiertes Bildarchiv für Suchende tatsächlich nutzbar zu machen. Wer in einer Bilddatenbank beispielsweise nach Bildern zum Thema “Sommer” sucht, wird schwer fündig, sofern er nicht bereits vorher bestimmte Maler heraussucht oder das Stichwort im Titel des Bildes enthalten ist.
ARTigo will sich dabei der Internetnutzer bedienen, da beispielsweise in Deutschland ca. 75 % der Gesamtbevölkerung online sind, weltweit 2 Milliarden Menschen. Ziel ist es, Bilder mit sinnvollen “Tags” zu versehen, die Bilder leichter auffinden lassen.
In ARTigo spielen zwei Spieler gegeneinander: Man bekommt ein Bild eingeblendet und hat ca. 1 Minute Zeit, um verschiedene Begriffe einzugeben, die einem zum gezeigten Bild einfallen. Gibt der Gegenspieler das gleiche Wort ein, bekommen die Spieler Punkte. Somit wird verhindert, dass sinnlose Tags vergeben werden, die gar nichts mit dem Bild zu tun haben.
Problem bei dieser Spielstrategie ist natürlich, dass man zunächst nur die vorrangig sichtbaren Dinge bezeichnet, wie die Farben oder Figuren; d.h. weniger die Epoche oder eventuell sogar den Maler. Dafür gibt es KARIDO, bei dem man nur bei “anspruchsvolleren” Tags Punkte bekommt. Das Grundprinzip der Validierung (d.h. das mind. 2 oder mehr Spieler diesen Begriff eingegeben haben) bleibt bestehen.
Nach jeder Partie werden dem Spieler noch einmal die Bilder gezeigt, die man getaggt hat. Diesmal jedoch mit Maler, Entstehungszeit und Museumsort. So lernt man unbewusst mehr Bilder kennen – was für allen für Kunst- und Kunstgeschichtestudenten von Vorteil ist. Zudem kann man sich anmelden und bei guten Spiel in die Bestenliste kommen. Das ist aber nicht notwendig, um ARTigo zu spielen.
Neben den spielerischen Effekt, ergeben sich auch für andere Geisteswissenschaften neue Forschungsmöglichkeiten: Beispielsweise, ob Japaner andere Dinge zuerst beschreiben würden als Deutsche. (ARtigo gibt es auch auf Englisch und Französisch). Denn die Eingabezeit der Begriffe, d.h. das zeitliche Nacheinander wird gespeichert. Gleiches gilt für Wahrnehmungspsychologen: Bewerten ältere Menschen andere Dinge zuerst als junge Menschen oder haben Männer und Frauen ein unterschiedliches Wahrnehmungsverhalten?
Drehbuch: Alex Garland, basierend auf Kazuo Ishiguros Buch
mit Carey Mulligan, Keira Knightley und Andrew Garfield
Wer mal wieder Lust hat auf einen ergreifenden, aber auch entsetzenden Kinofilm, sollte in Mark Romaneks Verfilmung von Kazuo Ishiguros Sciene-Fiction-Roman „Alles was wir geben mussten“ gehen.
Der Film beginnt mit dem Rückblick von Kathy H., die auf ihre glückliche Kindheit Mitte des 20 Jahrunderts in Hailsham zurückblickt – alles scheint unbeschwert; ein englisches Internat in typischen Backsteinstil, große Schlafsäle und strenge Erzieherinnen.
Gegen diese scheinbare Idylle spricht die erste Szene – Kathy H., die melancholisch auf einen Mann blickt, der gleich operiert wird. Dieses anfängliche Unbehagen wird beim Zuschauer subtil gesteigert, durch Beobachtung der wöchentlichen Gesundheitsuntersuchung, die streng durchgeführt wird oder der morgendlichen Einnahme von gesundheitsfördernden Mittel.
Regelmäßig kommt auch eine Frau, die Bilder für ihre Galerie auswählt – die besten Werke aus dem Kunstunterricht, was auch für die Kinder eine besondere Ehre bedeutet.
Erst als eine progressivere Aufsicht, Miss Lucy ihrer Klasse, worin Kathy mit ihren Freunden Tommy und Ruth sitzt, die Wahrheit über ihre Existenz verständlich erklärt, wird Sinn und Zweck von sportlicher Betätigung und ärztlichen Untersuchungen klar: Alle Hailsham-Schüler sind im Grunde nichts anderes als Organspender – nur aufgezogen, um als Ersatzteillager für andere Menschen zu dienen.
Nach Abschluss der Schule kommen Kathy, Ruth und Tommy gemeinsam auf die Cottages, ein Bauernhof, wo sie ab und an mitarbeiten müssen, sonst aber im Großen und Ganzen sich selbst überlassen sind. Die Dreiecksbeziehung zwischen den drei wird hier am schwierigsten für Kathy: Ruth und Tommy sind ein Paar, obwohl Kathy viel früher auf Tommy zugegangen ist, als er noch von allen in der Schule gehänselt wurde, weil er weder im Sport noch im Kunstunterricht gut war.
Nachdem Ruth Kathy unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie sich nie von Tommy trennen würde, bewirbt sich Kathy für einen Freiwilligendienst, der für die „Organspender“ angeboten wird – sie wird Betreuerin von anderen Organspendern und begleitet diese vor und nach den Organspenden. Dies ist auch der erste Bruch zwischen den dreien – kurze Zeit später scheitert auch die Beziehung zwischen Ruth und Tommy. Sie verlieren sich aus den Augen.
Nur über Zufall trifft Kathy Ruth wieder – als Ruth im selben Krankenhaus wie eine ihrer betreuten Patienten liegt, nach ihrer zweiten Organspende. Ruth möchte auch Tommy sehen, gemeinsam mit Kathy, nur um sich bei den beiden zu entschuldigen, dafür, dass sie Tommy und Kathy bewusst voneinander ferngehalten hat. Als Wiedergutmachungsangebot gibt sie den Beiden die Adresse, wo Paare, die in Hailsham zur Schule gegangen sind, angeblich noch einen Aufschub bekommen können – vor ihren Organspenden. Die kurze Hoffnung wird enttäuscht und Tommy „vollendet“ mit seiner dritten Organspende, d.h. er stirbt während dieser.
Besonders schockierend an dem Film ist die Tatsache, dass er so realistisch gestaltet ist, da er einmal im 20 Jahrhundert spielt, aber auch nahe an den tatsächlichen Möglichkeiten der Menschheit unserer Zeit ist. Das Gedankenspiel, dass andere Menschen „aufgezogen“ werden, um als Ersatzteillager funktionieren, scheint auf den ersten Blick absurd. Andererseits wird es in kleinen Maß bereits betrieben: Mithilfe der Gentechnik sind schon Kinder mit fast exakt gleichen Genen gezeugt worden, damit sie später als Organspender für den krebskranken Bruder oder schwerkranke Schwester dienen. Im Prinzip ist dies ein ähnliches Verfahren, nur noch optimiert, da ein direkt passender Organspender geschaffen wird. Welche Problematik dadurch entstehen kann, ist im Film „Beim Leben meiner Schwester“ erzählt worden.
Neben der spannenden Geschichte, ist auch die Umsetzung bemerkenswert: Kurze Einblendungen von einem Sonnenuntergang oder der Stille auf einem Feld wirken wir filmische Vorboten für die folgenden Handlung. Zwar wird aus Kathys Sicht erzählt, aber der Zuschauer bekommt dennoch einen Einblick in das Innenleben der anderen Protagonisten durch kleine Szenen, die subtil die Filmrealität erklären; beispielsweise als die Organentnahme bei einem dem Zuschauer unbekannten Organspender gezeigt wird, der während der OP „vollendet“, wie es euphemistisch heißt. Fast ohne Mitgefühl wird der Sauerstoffschlauch abgesteckt, schnell die Organe weggebracht und die Tote liegt mit offenen Bauch würdelos und verlassen im OP-Saal.
Insgesamt vielleicht keine leichte Sommerunterhaltung, dafür aber ein anregender Film.