{"id":658,"date":"2012-07-18T12:26:17","date_gmt":"2012-07-18T10:26:17","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=658"},"modified":"2013-09-30T20:20:01","modified_gmt":"2013-09-30T18:20:01","slug":"warum-ist-literaturwissenschaft-wichtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=658","title":{"rendered":"Was machen eigentlich Literaturwissenschaftler?"},"content":{"rendered":"<p>Wer Literatur nicht einfach nur genie\u00dfen und lesen m\u00f6chte, sondern sie sich auch gerne \u00fcber die Oberfl\u00e4che hinaus erschlie\u00dfen, dem stehen verschiedene Wege dazu offen. Neben der klassischen literaturwissenschaftlichen Analyse nach Form und Inhalt gibt es auch die M\u00f6glichkeit zu \u00fcberlegen, ob im Text bestimmte Themen besonders wichtig sind. Die Theorie ist, dass es in allen Gesellschaften &#8220;Kulturthemen&#8221; gibt, die sich auch in ihren jeweiligen Ltiteraturen wiederspiegeln. Solche Themen sind zu Beispiel: Geburt und Tod, Gewalt, aber auch allt\u00e4glicher erscheinende Dinge, wie Arbeit und Familienleben. Sehr viele solcher Themen sind vorstellbar. Findet man eines dieser Themen nun immer und immer wieder in der Literatur, so kann man davon ausgehen, dass es besonders pr\u00e4sent und wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft ist. Die unterschiedliche Verarbeitung in der Literatur l\u00e4sst dann auch R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Situation der Gesellschaft an sich zu.<\/p>\n<h2>Ein Beispiel: Das Kulturthema &#8220;Arbeit&#8221;<\/h2>\n<h3><em>Kathrin R\u00f6ggla: Wir schlafen nicht<\/em><\/h3>\n<p><em><\/em>Im Buch kommen sieben verschiedene Personen zu Wort, die alle f\u00fcr eine bestimmte Firma auf einer Messe sind. Scheinbar in Interviews erz\u00e4hlen sie von bestimmten Aspekten des Stresses bei ihrer Arbeit. Businessslang bestimmt die hektischen, sich st\u00e4ndig wiederholenden \u00c4u\u00dferungen. Durch konsequente Kleinschreibung und die phrasenhaften Wiederholungen macht das Buch die gestresste Atmosph\u00e4re, in der die Protagonisten leben deutlich.<\/p>\n<p>Die v\u00f6llig verr\u00fcckte und unnat\u00fcrliche Situation erinnert \u00fcbrigens stark an Martin Suters <em>Business Class<\/em>.<\/p>\n<h3><strong><em>Annette Pehnt: Mobbing<\/em><\/strong><\/h3>\n<p><em><\/em>Der Mann der Erz\u00e4hlerin ist bei der Stadt angestellt. Eine typische Kleinfamilie der deutschen Mittelschicht. Doch mit der neuen Chefin \u00e4ndert sich alles: Der Mann hat das Gef\u00fchl in der Arbeit gemobbt zu werden. Da jedoch seine Frau die Erz\u00e4hlerin ist, wissen wir schnell nicht mehr, was Wahrheit und was nur Angst ist. Die doppelte Vermittlung der Ereignisse l\u00e4sst jede &#8220;Wahrheit&#8221; undurchschaubar werden. Die beiden Erwachsenen befinden sich in einer Spirale aus Angst vor Arbeitsverlust und Harz4 und gegenseitigem Misstrauen. Alle L\u00f6sungsversuche scheitern, so dass sogar die Kommunikation miteinander immer unm\u00f6glicher wird. Auch hier ist der gro\u00dfe Vorteil des Buches, dass die Sprachlosigkeit, Angst und der zunehmende Verlust des Partners nachvollziehbar wird. Am Ende angekommen, ist man sehr froh wieder in einer weniger bedr\u00fcckenden Realit\u00e4t angekommen zu sein.<\/p>\n<h3><em>Karen Duve: Taxi<\/em><\/h3>\n<p><em><\/em>Taxi ist der l\u00e4ngste und konventionellste der hier vorgestellten Texte. Die Ich-Erz\u00e4hlerin Alex wei\u00df nach dem Abitur nichts mit sich anzufangen und beschlie\u00dft auf eine Annonce hin Taxifahrerin zu werden. Zun\u00e4chst ist der neue Job ein gro\u00dfes Abendteuer: sie f\u00e4hrt nachts und erlebt eine unendliche Zahl \u00a0verr\u00fcckter Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Doch schlie\u00dflich wird Alex von der qu\u00e4lenden Unentschlossenheit, die sie schon zum Taxi fahren gebracht hat, eingeholt. Die Kollegen zitieren frauenfeindliche Philosophen und dr\u00e4ngen sie so in die Position der unterlegenen Kollegin. Alex wird von einer schrecklichen M\u00fcdigkeit ergriffen, die sie am aufstehen und Arbeiten hindert. Letztendlich wird das Taxifahren f\u00fcr Alex genauso zum Gef\u00e4ngnis, wie sie es von einem Schreibtischjob bef\u00fcrchtet hat.<\/p>\n<h2>Das Thema Arbeit in den Texten<\/h2>\n<p>Die drei Texte setzen sich auf v\u00f6llig unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema Arbeit auseinander: Die Hektik einer Messe, die Angst vor dem Verlust der Arbeit, der scheiternde Versuch aus dem vorgeschriebenen Lebenslauf auszubrechen. Doch genau damit spiegeln die Texte eine wichtige Thematik in der deutsche Gesellschaft wider: Wir erleben eine zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Beruf. Immer mehr Menschen arbeiten von Zuhause und auch noch nach &#8220;Feierabend&#8221;. Die Harz4-Gesetzgebung hat die Angst vor dem Abrutschen in die Arbeitslosigkeit verst\u00e4rkt und das Problem von Arbeitslosigkeit nicht gel\u00f6st. Auch die Frage nach &#8220;Erf\u00fcllung&#8221; durch den Beruf steht immer noch im Raum. Immer mehr Menschen arbeiten in kreativen Berufen, die von traditionellen Erwerbsbiographien (lebenslanges Arbeiten f\u00fcr einen Betrieb) weit entfernt sind. Gleichzeitig erleben sie, dass die versprochene Selbstverwirklichung auch durch diese Berufe nicht immer m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Die Besonderheit der Verarbeitung solcher Themen in der Literatur ist, dass das Geschilderte nachf\u00fchlbar wird. Anders als Zeitungsberichte &#8211; in denen die Themen naturgegeben auch auftauchen &#8211; kann Literatur auf einer direkten emotionalen Basis vermitteln. Beim Lesen sind wir gewisserma\u00dfen f\u00fcr eine kurze Zeit die Personen, von denen die Geschichten handeln. Wir k\u00f6nnen in Rollen schl\u00fcpfen, die wir im realen Leben nie einnehmen k\u00f6nnten oder wollten. Und auch wenn die\u00a0Erlebnisse, die wir in diesen Rollen machen nicht real sind: Sie hinterlassen ihre Spuren, sind Erkenntnisgewinn und Bereicherung und somit durchaus echt. Sie f\u00f6rdern das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diejenigen, die unter Umst\u00e4nden solche Erfahrungen tats\u00e4chlich machen m\u00fcssen. Denn: wir haben die Situation ja schon einmal selbst &#8220;erlebt&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Literatur nicht einfach nur genie\u00dfen und lesen m\u00f6chte, sondern sie sich auch gerne \u00fcber die Oberfl\u00e4che hinaus erschlie\u00dfen, dem stehen verschiedene Wege dazu offen. Neben der klassischen literaturwissenschaftlichen Analyse nach Form und Inhalt gibt es auch die M\u00f6glichkeit zu \u00fcberlegen, ob im Text bestimmte Themen besonders wichtig sind. 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