{"id":449,"date":"2012-02-06T15:39:02","date_gmt":"2012-02-06T14:39:02","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=449"},"modified":"2013-09-30T20:13:11","modified_gmt":"2013-09-30T18:13:11","slug":"warum-literaturwissenschaftler-keine-kulturwissenschaftler-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=449","title":{"rendered":"Warum Literaturwissenschaftler keine Kulturwissenschaftler sind"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Beginn meines Masterstudiums habe ich mein zweites Studienfach gewechselt. Statt <a title=\"Kulturanthropologie\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturanthropologie\" target=\"_blank\">Kulturanthropologie<\/a> und Germanistik studiere ich nun Kulturanthropologie und <a title=\"Komparatistik\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komparatistik\" target=\"_blank\">Komparatistik<\/a>. In der Kulturanthropologie wurden wir bereits im Bachelorstudium \u2013\u00a0unter anderem ein einem eigenen Seminar &#8220;Kulturtheorie&#8221; \u2013 ausf\u00fchrlichst mit den Theorien und Methoden der Kulturwissenschaften gedrillt. Dar\u00fcber hinaus spielen die Theorien zu den behandelten Themenfeldern auch in allen anderen Seminaren eine bedeutende Rolle. Die meisten Seminare beginnen damit, dass in den ersten Sitzungen des Semesters grundlegende Texte zum jeweiligen Thema erarbeitet werden. Auch auf die allgemeineren, in den Kulturtheorien vermittelten,\u00a0Theorien wird immer wieder Bezug genommen.\u00a0Ich wage also zu behaupten, dass ich eine gewissen Kompetenz in Kulturtheorien mitbringe.<\/p>\n<p>Und nun studiere ich also Komparatistik.Das Fach wurde in Deutschland erst in den 1950er Jahren institutionalisiert und ist folglich an den Philosophischen Fakult\u00e4ten noch relativ jung. Dar\u00fcber hinaus steht es in gro\u00dfer Konkurrenz zu den Einzelphilologien und muss sich best\u00e4ndig abgrenzen und in seiner Existenz rechtfertigen. Als gro\u00dfe Vorteile des Faches werden besonders die sprach-, literatur-, medien- und k\u00fcnste\u00fcbergreifende Analyse von Literatur hervorgehoben. Dass folglich der &#8220;cultural turn&#8221; und kulturwissenschaftliche Methoden von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die Komparatistik sind, scheint offensichtlich. So wird sowohl in Einf\u00fchrungsveranstaltungen als auch in der \u00a0Einf\u00fchrungsliteratur immer wieder betont, wie wichtig die kulturwissenschaftlichen Methoden und Ans\u00e4tze auch f\u00fcr die Komparatistik sind. Dennoch steht die Komparatistik auch hier vor dem Problem der Abgrenzung. Ebensowenig wie sie reine Literaturwissenschaft sein m\u00f6chte, m\u00f6chte sie echte Kulturwissenschaft werden. Zwischen den F\u00e4chern schwankend wird dr\u00fcber gesprochen, wie wichtig neue Ans\u00e4tze w\u00e4ren, w\u00e4hrend gleichzeitig weiterhin im Gro\u00dfen und Ganzen die alten Methoden verwendet werden. Wie wenig sich die Komparatisten tats\u00e4chlich auf kulturwissenschaftliche Ans\u00e4tze einlassen, zeigt sich immer wieder daran, dass diese nur in groben Ausz\u00fcgen rezipiert werden. So werden zum einen nicht die am Besten umsetzbaren Methoden sondern die bekanntesten ins Fach geholt. Beispielhaft daf\u00fcr steht die Zitation der Foucaultschen Diskursanalyse als Methode &#8211; die als solche auch gelernten Kulturwissenschaftlern Schwierigkeiten bereitet &#8211; statt als Erkl\u00e4rungssystem des Ablaufes von Wissensorganisation.\u00a0Zum anderen fehlt die gr\u00fcndliche Verortung der Methoden. Kulturwissenschaftliche Ans\u00e4tze werden nicht auf ihre Urspr\u00fcnge verfolgt oder gar im &#8211; \u00fcbertrieben formuliert &#8211; im Original gelesen. Statt eine Methode zun\u00e4chst in ihrer eigentlichen Funktion zu verstehen und erst anschlie\u00dfend auf ihre \u00dcbertragbarkeit zu pr\u00fcfen, werden vielversprechend klingende Ans\u00e4tze sofort f\u00fcr die Literatur adaptiert. In der Folge scheinen dem Kulturwissenschaftler viele kulturwissenschaftliche Ans\u00e4tze in der Komparatistik seltsam verdreht. Hinzu kommt nat\u00fcrlich, dass f\u00fcr die Komparatisten, die trotz allem immer noch Literaturwissenschaftler sind, die Literatur \u00a0allen und nicht die Literatur im Zusammenhang mit der Kultur im Vordergrund des Erkenntnisinteresses steht. In der Folge sind viele Fragestellungen, die \u00fcber die Literatur hinausgehen tabu &#8211; und dies trotz der im Fach propagierten Offenheit. Gerade Fragen nach den Aussagen, die Literatur \u00fcber Kultur und Gesellschaft trifft, werden so ausgeklammert &#8211; obwohl gerade sie es sind, die hervorragend mit einer Kombination aus kulturwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Methoden (und dem Ansatz der Diskursanalyse) beantwortet werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Literaturwissenschaftler als Kulturwissenschaftler? Ein sch\u00f6ner Traum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Beginn meines Masterstudiums habe ich mein zweites Studienfach gewechselt. Statt Kulturanthropologie und Germanistik studiere ich nun Kulturanthropologie und Komparatistik. In der Kulturanthropologie wurden wir bereits im Bachelorstudium \u2013\u00a0unter anderem ein einem eigenen Seminar &#8220;Kulturtheorie&#8221; \u2013 ausf\u00fchrlichst mit den Theorien und Methoden der Kulturwissenschaften gedrillt. 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