{"id":2837,"date":"2018-02-06T10:00:13","date_gmt":"2018-02-06T09:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2837"},"modified":"2018-02-05T21:59:22","modified_gmt":"2018-02-05T20:59:22","slug":"der-geruch-von-buchern-hisako-inoues-bibliothek-der-geruche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2837","title":{"rendered":"Der Geruch von B\u00fcchern &#8211; Hisako Inoues Bibliothek der Ger\u00fcche"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"leo_h1 \"><span style=\"color: #000000;\">Vermutlich hat jeder, der sich einmal im Antiquariat nach B\u00fcchern umgesehen hat, ein Buch nach dem ersten Griff wieder weggelegt, weil es so intensiv roch. Ein leichter Moderduft von zu feuchter Lagerung oder der starke Geruch nach\u00a0Zigarrettenrauch sind wahrscheinlich die st\u00e4rksten B\u00fccherger\u00fcche. <\/span><\/h1>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Vermutlich war\u00a0das eine Inspiration f\u00fcr Hisako Inoue, B\u00fccher einmal anders zu pr\u00e4sentieren &#8211; n\u00e4mlich mit einem Hauptaugenmerk auf ihren\u00a0olfaktorischen und haptischen Eindruck. Hisako Inoue hat an der Joshibi Universit\u00e4t f\u00fcr Kunst und Design in Kanagawa studiert, an der sie seit\u00a0 2004 auch als Dozentin t\u00e4tig ist. Dabei h\u00e4lt sie auch Geruchsworkshops, um Geruchskunst praktisch erfahrbar zu machen. Seit 2013 arbeitet sie mit der Wissenschaftlering Dr. Mika Shirasu zuammen, die Ger\u00fcche an der Universit\u00e4t Tokio analysiert. Hisako Inoue war von August bis Oktober 2016 Stipendiatin der <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.villa-waldberta.de\/detailseite\/\/vwShow\/gaeste\/inoue\/\">Villa Waldberta<\/a> und pr\u00e4sentierte von Oktober 2017 bis Januar 2018 in der Ausstellung &#8220;Ricochet # 11: Hisako Inoue &#8211; Die Bibliothek der Ger\u00fcche&#8221; der Villa Stuck eine Auswahl antiquarischer B\u00fccher. Zudem gestaltete sie zwei weitere R\u00e4ume, die sich im weitesten Sinne mit B\u00fcchern befassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Dabei war das Auswahlkriterium der Geruch und das Anfass-Gef\u00fchl\u00a0der B\u00fccher. Die Besucher sollten\u00a0zun\u00e4chst ein\u00a0Buch unter der Glasglocke hervor nehmen, hinein schnuppern und mit geschlossenen Augen das Buch ber\u00fchren. Anschlie\u00dfend sollten sie \u00fcberlegen, woran\u00a0einen der Geruch selbst erinnert. Spannend war, dass\u00a0 Hisako Inoue zehn B\u00fccher von Dr. Mika Shirasu, ei chemisch auf die Hauptkomponten des Geruchs untersuchen lie\u00df. Diese Analyse war dann dem Buch als <a style=\"color: #000000;\" href=\"https:\/\/www.mutualart.com\/Exhibition\/Hisako-Inoue--Ricochet--11---The-Library\/BCEEEE66C0DAED68\">Netzdiagramm<\/a> dargestellt, sodass man als Besucher schnell einen \u00dcberblick hatte, welche Geruchskomponenten haupts\u00e4chlich den Geruch des Buches bestimmten. Diese Hauptgeruchskomponten konnte man an einem weiteren &#8220;Riechtisch&#8221; jeweils extrahiert in einer Glasflasche noch einmal schnuppern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u00a0Trotz der Aufforderung die B\u00fccher anzufassen und zu riechen, standen die meisten Besucher erst einmal unschl\u00fcssig vor den Tischen mit den Glasglocken. Gro\u00dfartig fand ich, dass die Raumaufsicht die Besucher ermunterte, die B\u00fccher in die Hand zu nehmen, daran zu riechen und sie zu be-greifen. Die B\u00fccher lagen auf zwei gro\u00dfen Tischen auf, im ehemaligen sehr hellen Speisesaal der Villa Stuck. Die gr\u00f6\u00dften Exemplare unter ihnen waren nicht durch eine Glasglocke gesch\u00fctzt. Es gab B\u00fccher, bei denen man die leichte Vertiefung der in das Papier gepresste Lettern sp\u00fcren konnte. Glatte und gepr\u00e4gte Einb\u00e4nde, ganz raues oder weiches Papier. S\u00fc\u00dflicher Zigarrenrauch oder scharfer, grasiger Geruch. Ich pers\u00f6nlich fand ein Buch mit einem s\u00fc\u00dflichen, sommerversprechenden Geruch besonders gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die einzelnen Titel, welche das danebenliegende Buch unter Glasglocke beschrieben, fand ich pers\u00f6nlich manchmal irref\u00fchrend, manchmal jedoch sehr treffend. Besonders gefallen hat mir\u00a0zum Beispiel die Beschriftung zu\u00a0einem Buch, dass von Hisako Inoue als &#8220;Schwei\u00df eines Redakteurs&#8221; betitelt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Auch im zweiten Raum der Ausstellung lenkte Hisako Inoue den Fokus der Besucher auf einen Aspekt von B\u00fcchern, den man meist nicht bewusst wahrnimmt: die Ger\u00e4usche, die mit B\u00fcchern verbunden sein k\u00f6nnen. Schritte durch eine Bibliothek, das Rascheln der Seiten beim Umbl\u00e4ttern. Das ganze war leider in einem kleinem Raum mittels mehrerer Lautsprecher umgesetzt. Man konnte sich leider nicht hinsetzen, was dazu gef\u00fchrt hat, dass viele Besucher nur kurz in den Raum eintraten und nur einen kleinen Ausschnitt der Ger\u00e4usche wahrnahmen. Im Vergleich zum ersten Raum mit den B\u00fccherger\u00fcchen lie\u00df mich das eher unbeeindruckt &#8211; auch weil die Ger\u00e4usche aus den Lautsprechern sehr leise waren und die Gehger\u00e4usche bzw. Gespr\u00e4che der Besucher ein Hinh\u00f6ren und Wahrnehmen schwierig machten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Im letzten Raum der Ausstellung befand sich schlie\u00dflich\u00a0ein Kubus, dessen W\u00e4nde mit zerkn\u00fcllten Papier beklebt waren. Zus\u00e4tzlich lagen auf dem Boden des Kubus weitere zerkn\u00fcllte Papiere. Die Besucher\u00a0sollten in den Kubus hineingehen und beim Verlassen ein weiteres Blatt Papier zerkn\u00fcllen und hinzuf\u00fcgen, dass am Eingang des Kubus bereit lag. Ich fand diese eigenartig kuschlige Atmosph\u00e4re innerhalb des Kubus, innerhalb der &#8220;Grundmaterialen&#8221; von B\u00fcchern sehr beruhigend. Nicht alle Besucher konnten mit diesem Klotz voll von Papier etwas anfangen und interagierten nicht mit der Installation. Das war jedoch meiner Meinung nach genau der Reiz daran &#8211; B\u00fccher bzw. B\u00fcchermaterialien auch r\u00e4umlich wahrzunehmen &#8211; weg von der reinen Informations- bzw. Unterhaltungsqualit\u00e4t eines Buches hin zu den Materialen, der Beschaffenheit und des Geruchs, der die Wahrnehmung eines Buches letztendlich doch stark beeinflusst. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Mein pers\u00f6nliches Fazit zur Ausstellung ist, dass es ganz wundervoll ist, dass\u00a0endlich jemand mal die olfaktorischen und haptische Dimension von B\u00fcchern in den Mittelpunkt r\u00fcckt. Allerdings musste man schon sehr offen sein und Zeit mitbringen, um von der Ausstellung etwas mit zu nehmen. Denn ansonsten war man\u00a0 wohl eher schnell bei der Feststellung, was denn besonderes an zweizwanzig antiquarischen B\u00fcchern sein sollte oder auch an zerkn\u00fcllten Papier in einem Kubus. Ohne sich bewusst darauf einzulassen, nacheinander an den B\u00fcchern zu schnuppern und zu versuchen die feinen Geruchsunterschiede wahrzunehmen, war der Saal mit den B\u00fcchern nichts weiter als ein Saal mit 22 antiquarischen B\u00fcchern, die alle mehr oder weniger &#8220;gebraucht&#8221; rochen. Nur wer sich traute die B\u00fccher ganz wahrzunehmen und mit eigenen Geruchserinnerungen zu verbinden suchte, konnte an der Ausstellung auch etwas \u00fcber die reine Objektpr\u00e4sentierung hinaus mitnehmen. Letztendlich hat dieser &#8220;emotionale&#8221; Aspekt auch eine Art &#8220;Individualisierung&#8221; des Ausstellungserlebnisses zur Folge. Denn letztendlich nimmt jeder die B\u00fccherger\u00fcche anders wahr als der Besucher vor ihm und verbindet mit diesem bestimmten Geruch andere Erinnerungen: der Nachmittagskaffee bei der Oma mit dem starken Parf\u00fcm, der Onkel, der gerne Klassiker las und dabei Zigarre rauchte, B\u00fccher, die nach langen Lesenachmittagen im Gras riechen oder an das Kinderzimmer in den 70er Jahren erinnern usw. Auch der Papierkubus l\u00e4sst sich nur durch das eigene Hineingehen, umschauen und Raum wahrnehmen als &#8220;Kunst&#8221; erfahren, welches auf B\u00fccher verweist. Bleibt man jedoch in der passiv-rezeptiven Haltung, so bleibt es ein Kubus, der mit gekn\u00fcllten Papier gef\u00fcllt ist und zwei Drittel ds alten Ateliers von Franz von Stuck einnimmt. Ein Objekt, dass nicht in die Umgebung passt und noch weniger zu den ersten Assoziationen, die man zu B\u00fcchern hat. Diese Ausstellung war gewisserma\u00dfen\u00a0nur durch die eigene Mitarbeit vollst\u00e4ndig zu erleben \u2013 ganz anders, als dies bei den meisten anderen Ausstellungen ist, die eher passiv rezipiert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ich fand in dieser Ausstellung spannend, dass man die ausgestellten B\u00fccher nicht \u00fcber den Inhalt wahrnahm, sondern tats\u00e4chlich den anderen Sinneseindr\u00fccken\u00a0Raum gegeben wurde. F\u00fcr mich spielt der Geruch von B\u00fcchern beim Leseerlebnis eine gro\u00dfe Rolle. Daher bestelle ich auch ungern bei Online-Antiquariaten, weil selten eine Angabe zum Geruch gemacht wird. Ein Buch, das jedoch f\u00fcr mich absto\u00dfend riecht, kann ich nicht lesen, weil meine Sinne\u00a0sich zu sehr mit dem Geruch besch\u00e4ftigen und ich mich nicht auf den Inhalt des Buches konzentrieren kann.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich hat jeder, der sich einmal im Antiquariat nach B\u00fcchern umgesehen hat, ein Buch nach dem ersten Griff wieder weggelegt, weil es so intensiv roch. Ein leichter Moderduft von zu feuchter Lagerung oder der starke Geruch nach\u00a0Zigarrettenrauch sind wahrscheinlich die st\u00e4rksten B\u00fccherger\u00fcche. 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