{"id":2541,"date":"2015-09-16T13:24:18","date_gmt":"2015-09-16T11:24:18","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2541"},"modified":"2015-09-09T14:05:30","modified_gmt":"2015-09-09T12:05:30","slug":"liebeskummer-fuer-einen-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2541","title":{"rendered":"Liebeskummer f\u00fcr einen Ort"},"content":{"rendered":"<p>Als ich zum Studium nach G\u00f6ttingen gezogen bin, hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck die f\u00fcr mich perfekte Wohnung zu finden. Eineinhalb Zimmer im Dachgeschoss einer Ostviertel-Villa. Tauben und Student*inn*en wohnen unter dem Dach. Sie war wie aus einem Studentenroman. Mit Dachschr\u00e4gen und Kompromissl\u00f6sungen, die sie \u00fcberhaupt erst finanzierbar machten. Mein Badezimmer ging direkt in mein Schlafzimmer \u00fcber und mein Waschbecken war auf dem Flur, der direkt ins Treppenhaus f\u00fchrte und wo auch die anderen Bewohner durch mussten um zum W\u00e4scheboden zu kommen, aber das war egal. Ich hatte keine echte K\u00fcche, aber eine perfekte L\u00f6sung mit Minikitchen inklusive Backofen und Ceranplatten und Sp\u00fclsch\u00fcsseln, um im Waschbecken auf dem Flur mein Geschirr zu sp\u00fclen.\u00a0Mein Papa hatte mir das perfekt angepasste K\u00fcchenregal mit eingebautem Tisch geschreinert.<\/p>\n<p>Durch die drei Fenster des gro\u00dfen Zimmers \u2013 K\u00fcche, Wohn- und Arbeitszimmer in einem \u2013 konnte ich direkt auf einen wundersch\u00f6nen gro\u00dfen Garten und den Park blicken. Ich hatte die perfekte 30-Minuten-Spazierroute durch Park und Stadtwald, die nicht zu lange dauerte, um v\u00f6llig aus meinen Gedankeng\u00e4ngen zu fallen, aber meinen Kopf frei machte.<\/p>\n<p>Im Sommer war es unter dem Dach fast zu hei\u00df und im Winter konnte ich nicht ohne extra Pulli \u00fcber den Flur von der Wohnarbeitsk\u00fcche ins Schlafbad gehen ohne zu frieren. Daf\u00fcr war der Weg in den Park mit eiskaltem Flusslauf nur ein Katzensprung und kuschelige Decken und warmer Kakao sind im Winter sowieso eine gute L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Ich hatte die liebste Nachbarin der Welt, bei der ich schon mal ein Ei leihen konnte und mit der zusammen ich ein Milchabo hatte. Und die immer f\u00fcr f\u00fcnf Minuten oder auch eine Stunde Gespr\u00e4ch zwischen T\u00fcr und Angel bereit war.\u00a0Und auch wenn mein Zimmer nicht gro\u00df war \u2013 acht Leute zur Teestunde passten doch gerade so rein und machten es erst so richtig gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Mein Schlafzimmer war der perfekte R\u00fcckzugsort. Die Dachschr\u00e4gen machten es zur kuschligen H\u00f6hle, die rote Wand tat ihr \u00dcbriges. Nur die Sterne konnte ich nicht durchs Dachfenster zu beobachten, dazu war es zu klein. Aber der prasselnde Regen darauf war oft genug meine beruhigende Einschlafmusik.<\/p>\n<p>Aber am wichtigsten war doch: Es war <span style=\"text-decoration: underline;\">mein<\/span> Zuhause. Ich konnte allein sein, wenn ich wollte oder Freundinnen einladen, wenn ich Lust auf Gesellschaft hatte. Ich hatte mein Bett, meinen Schreibtisch und meine K\u00fcche an einem Ort. Meine B\u00fccher waren da, wo ich war. Das Bad und die K\u00fcche waren MEINS. Auch wenn sie nicht perfekt und eher provisorisch waren. Nicht alle M\u00f6bel geh\u00f6rten mir, aber die, die da standen, h\u00e4tten genauso gut von mir ausgesucht sein k\u00f6nnen. Sie erinnerten mich an die M\u00f6bel zuhause bei meinen Eltern.\u00a0Ich hatte einen gelben Teppich, eine blaue Decke \u00fcber dem Sofa und Holzm\u00f6bel, die dass Zimmer warm machten. Vielleicht schien es so kleiner als mit wei\u00dfen und schwarzen M\u00f6beln und gl\u00e4nzendem Stahl, aber daf\u00fcr war es nicht kalt und steril.\u00a0Die Wohnung passte genau so, wie sie war, zu mir. Sie war praktisch und gem\u00fctlich, warm und kuschelig, klein aber fein. Sie konnte Kompromisse eingehen, die sich als hervorragende L\u00f6sungen herausstellten.<\/p>\n<p>Anders als in der WG, in der ich jetzt arbeite, waren Dreck und Unordnung wenigstens mein Chaos. Anders als beim Wohnen bei meinem Freund, hatte ich selbst mir den Ort ausgesucht und eingerichtet. Ich hatte meine Pl\u00e4tze. Und die Dinge, die ich besa\u00df, waren an einem Ort. Nichts hasse ich momentan so sehr, wie das Gef\u00fchl zwischen zwei Orten zerrissen zu sein, an keinem wirklich zu leben, nirgends zu 100 Prozent zuhause zu sein. Nichts vermisse ich immer und immer wieder so sehr wie diese erste eigene Wohnung, die meine war und das beste erwachsene zuhause, das ich mir vorstellen kann. Noch immer \u2013 weit \u00fcber ein Jahr, nachdem ich ausziehen musste \u2013 ist diese Wohnung der Ort an den ich mich zur\u00fcckw\u00fcnsche, wenn es mir nicht gut geht.<\/p>\n<p>Ich habe \u00fcber ein Jahr gebraucht, um an dem Haus, in dem diese Wohnung war, wieder vorbei gehen zu k\u00f6nnen. Wenn ich l\u00e4nger an sie denke, f\u00e4llt es mir immer noch schwer, nicht in Tr\u00e4nen auszubrechen. Ich glaube ich habe immer noch Liebeskummer nach dieser Wohnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich zum Studium nach G\u00f6ttingen gezogen bin, hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck die f\u00fcr mich perfekte Wohnung zu finden. Eineinhalb Zimmer im Dachgeschoss einer Ostviertel-Villa. Tauben und Student*inn*en wohnen unter dem Dach. Sie war wie aus einem Studentenroman. Mit Dachschr\u00e4gen und Kompromissl\u00f6sungen, die sie \u00fcberhaupt erst finanzierbar machten. 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