{"id":2400,"date":"2015-01-09T14:34:16","date_gmt":"2015-01-09T13:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2400"},"modified":"2015-01-09T14:34:16","modified_gmt":"2015-01-09T13:34:16","slug":"ein-schreibtisch-fur-sich-allein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2400","title":{"rendered":"Ein Schreibtisch f\u00fcr sich allein"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht ist es etwas verwegen, Virginia Woolf f\u00fcr eine \u00dcberschrift in meinem Blog abzuwandeln, aber im letzten halben Jahr habe ich doch gemerkt, was f\u00fcr mich f\u00fcr effektives Arbeiten am Bedeutsamsten ist. Es muss kein eigener Raum sein \u2013 andere d\u00fcrfen sich gerne im gleichen Zimmer aufhalten (solange sie dort arbeiten ;)). Aber mein eigener Schreibtisch ist doch essenziell. Ein Ort, an dem ich meine Sachen haben kann, an dem sie so sind, wie ich das zum Arbeiten brauche. Im letzten halben Jahr hatte ich \u00fcber mehrere Monate hinweg keinen Schreibtisch. Eine Arbeitskabine in der Bibliothek hat mir phasenweise geholfen. (Aber st\u00e4ndig habe ich Dinge vermisst: Frischen Tee, einen Locher, das andere Buch, jenen Ordner.) Sobald ich aber\u00a0meinen\u00a0Schreibtisch zur\u00fcck hatte, bin ich nicht mehr in die Bibliothek gegangen, obwohl die Arbeitsatmosph\u00e4re dort eigentlich ziemlich gut war.<\/p>\n<p>Allerdings ist so ein Schreibtisch nicht das einzige, das zum produktiven Arbeiten n\u00f6tig ist. Es zeigt sich immer deutlicher, dass eine Perspektive, was nach der Abschlussarbeit kommt, echt hilfreich w\u00e4re. Und dann nat\u00fcrlich: Deadlines. Und zwar am besten nicht nur eine Deadline wann die Arbeit abgegeben sein muss. Sondern viel, viel wichtiger: Deadlines f\u00fcr Zwischenschritte. Erstelle eine Literaturliste, eine Gliederung, das erste Kapitel, \u2026 und zwar bis zu einem bestimmten Datum! Dummerweise m\u00fcssen diese Deadlines von au\u00dfen kommen oder sehr, sehr ernst sein. Besser ist aber doch eindeutig, wenn einem jemand anderes dabei hilft, etwas Struktur in das eigene Arbeiten zu bringen. Die gesetzten Fristen haben dann einfach einen anderen Stellenwert. Im Idealfall sind sie \u00a0dann zwar ernst, k\u00f6nnen aber doch einigerma\u00dfen locker gesehen werden . Nach dem Motto: Es ist besser wenn ich sie einhalte, aber wenn ich es nicht tue, rei\u00dft mir auch keiner den Kopf ab.<\/p>\n<p>Da mir die Person fehlt, die mich etwas am G\u00e4ngelband h\u00e4lt, habe ich im letzen Jahr eine Menge \u00fcber meine Arbeitsweise gelernt und dar\u00fcber, wie ich f\u00fcr mich meine Arbeitszeit strukturieren muss. Gelernt habe ich vor allem dadurch, dass das f\u00fcr mich arbeiten h\u00e4ufig genug \u00fcberhaupt nicht klappt. Au\u00dfer einem Ort, an dem ich arbeiten kann, brauche ich definitiv einen gut strukturierten Arbeitsplan. Das bedeutet, dass ich mich st\u00e4ndig hinsetzen muss und \u00fcber das, was noch zu tun ist, nachdenken muss. Und zwar auf drei verschiedenen Ebenen: Was muss ich \u00fcberhaupt tun? Wie verteile ich diese Arbeit am sinnvollsten \u00fcber die n\u00e4chsten Wochen und Monate? Was muss ich \u00a0jeden einzelnen Tag Stunde f\u00fcr Stunde tun, um den so erstellten Plan umzusetzen? Die echt schwierige Kunst dabei ist, meine Zeit so zu planen, dass sie knapp genug ist, dass ich tats\u00e4chlich arbeite und nicht denke, &#8220;och ja, ist ja noch Zeit. Erst mal [setzte beliebige mehr als f\u00fcnf Staffeln umfassende Serie ein] gucken!&#8221; Gleichzeitig aber muss die Zeitplanung so gro\u00dfz\u00fcgig sein, dass es kein Problem ist, wenn ich mich mal versch\u00e4tzt habe, was den Arbeitsaufwand betrifft. Die Erfolgserlebnisse, wenn ich dann schneller bin als geplant, helfen \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen solchen realistischen Zeitplan ist es enorm wichtig, \u00fcber Lese- und Schreibgeschwindigkeit nachzudenken. Ich habe festgestellt, dass ich f\u00fcr einfachere Texte ca. 3 Minuten pro Seite brauche, f\u00fcr schwierigere Textes sind es 5 Minuten pro Seite. Das ist gro\u00dfz\u00fcgig gerechnet \u2013 eigentlich lese ich schon schneller. Aber dabei sind Tagtr\u00e4umereien, Twitterabschweifungen und wandernde Gedanken miteingerechnet. Sie sind mit dieser Kalkulation gerade so noch m\u00f6glich, k\u00f6nnen aber nicht allzu ausufernd sein, wenn ich wirklich erledigen m\u00f6chte, was ich mir vorgenommen habe. Wenn es darum geht selbst Text zu produzieren, dann brauche ich ca. 1 Stunde pro Seite. Wenn ich schon Notizen sortiert in einem Textdokument habe, geht es auch schneller. Auch hier sind Denkpausen, zwischendrin fernsehen etc. schon eingerechnet. Ausgehend von dieser Selbsterkenntnis \u00fcber mein Arbeitstempo wird es \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich einen sinnvollen Arbeitsplan zu erstellen.<\/p>\n<p>Dummerweise komme ich allein damit, dass ich wei\u00df, wie ich arbeiten sollte, noch nicht unbedingt weiter. Das schwierigste ist sich jeden Tag hinzusetzen (wird mit etwas Routine leichter) und vor allem, nach einer gewissen Zeit des Durchhaltens immer noch weiter zu machen.\u00a0Manchmal hilft es nebenher andere Projekte zu haben. Eine Rezension zu schreiben, eine fremde Arbeit korrekturlesen\u2026 Etwas, dass nice to have ist, mit einer Deadline versehen ist und etwas weniger Spass macht, als meine eigentliche Arbeit. Dann hab ich n\u00e4mlich eigentlich etwas anderes zu tun und kann prokrastinieren,\u00a0indem\u00a0ich meine Arbeit schreibe. Wirklich gut hilft es, einen Termin zu haben, wo ich Leuten etwas \u00fcber seine Arbeit erz\u00e4hlen muss. So ein Vortrag (selbst vor Menschen, die etwas v\u00f6llig anderes machen) bringt mich wirklich vorw\u00e4rts, weil ich noch einmal Struktur in das bringen muss, was ich erarbeitet habe. Weil ich mein Thema so sehr vereinfachen muss, dass es jeder verstehen kann und ich dabei gleichzeitig noch vermitteln muss, was der eigentliche Kern ist. Dazu muss ich sehr gut verstanden haben, was ich eigentlich tue. Und da ich ja auch Ergebnisse vorstellen will, komme ich richtig gut vorw\u00e4rts. Das ist eine gute Gelegenheit, um L\u00fccken in der eigenen Arbeit zu finden.<\/p>\n<p>Und dann habe ich noch etwas ganz besonders wichtiges gelernt. Bisher habe ich meine Arbeiten immer so geschrieben, dass ich erst alles gelesen habe, was mir zum Thema wichtig erschien. Gleichzeitig habe ich mich mit meinen Materialien und Daten besch\u00e4ftigt. Und dann noch etwas mehr gelesen. Aber erst, wenn ich damit fertig war, habe ich angefangen meine Arbeit in einem Rutsch runter- und durchzuschreiben. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere wissenschaftliche Arbeiten ist das nun \u00fcberhaupt nicht sinnvoll. Am wichtigsten ist es r\u00fcckblickend, fr\u00fchzeitig anzufangen regelm\u00e4\u00dfig zu Papier zu bringen, was ich erarbeitet habe. Und zwar nicht nur in Form von Exzerpten, sondern in Form von Textbl\u00f6cken f\u00fcr die Arbeit. Ich glaube, ideal f\u00fcr mich w\u00e4re, in Themenbl\u00f6cken \u00fcber 1-2 Wochen zu arbeiten. Ca. alle zwei Wochen w\u00fcrde ich zwischen einem theoretischen oder methodischen Aspekt und meiner Quelle\/dem Material\/der eigenen Forschung wechseln. Dabei je 3-5 Texte pro Block lesen und exzerpieren und dann sofort zusammenfassen in einen Flie\u00dftext bringen, was die f\u00fcr mich und meine Arbeit wichtigen Erkenntnisse sind. Bei der Arbeit mit einer historischen Quelle ist es f\u00fcr mich, glaube ich sinnvoll, eine Fragestellung nach der anderen in Themenbl\u00f6cken abzuarbeiteten, statt mir die Quelle chronologisch, in ihrer Gesamtheit zu erschlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich funktioniert das nur nachdem man einen prinzipiellen \u00dcberblick \u00fcber die Quelle \u00a0erlangt hat.<\/p>\n<p>An den so entstehenden Texten kann ich dann, wenn ich weiter fortschreite und erneut bei einem Thema angelangt bin, weiterarbeiten. Sie unter Umst\u00e4nden auch neu schreiben, weil sich mein Erkenntnisinteresse ver\u00e4ndert hat. Aber, etwas das mir f\u00fcr meine aktuelle Arbeit etwas gefehlt hat, mit dieser Methode kann ich vielleicht etwas besser absichern, dass ich keinen der Aspekte Quelle, theoretische Fundierung und angemessene Methodik vernachl\u00e4ssige.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht ist es etwas verwegen, Virginia Woolf f\u00fcr eine \u00dcberschrift in meinem Blog abzuwandeln, aber im letzten halben Jahr habe ich doch gemerkt, was f\u00fcr mich f\u00fcr effektives Arbeiten am Bedeutsamsten ist. Es muss kein eigener Raum sein \u2013 andere d\u00fcrfen sich gerne im gleichen Zimmer aufhalten (solange sie dort arbeiten ;)). 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