{"id":2291,"date":"2014-01-06T10:49:29","date_gmt":"2014-01-06T09:49:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2291"},"modified":"2014-05-07T10:54:13","modified_gmt":"2014-05-07T08:54:13","slug":"vom-marchenleser-zum-serienjunkie-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=2291","title":{"rendered":"Vom M\u00e4rchenleser zum Serienjunkie (9)"},"content":{"rendered":"<h3>Unterhaltung im Medientakt: Zeitstrukturen und Meidenkonsum<\/h3>\n<p>Alltagsleben v\u00f6llig ohne Struktur ist quasi unm\u00f6glich. Allein Essen und Schlafen brauchen eine gewisse Regelm\u00e4\u00dfigkeit. Auch der Jahres-, Monats-, Wochen- und Tageslauf stellen eine \u201enat\u00fcrliche\u201c Struktur des Lebens dar. Erz\u00e4hlungen sind mit dem Jahreslauf und (religi\u00f6sen) Ritualen verbunden. Trotz S\u00e4kularisierung sind solche Erz\u00e4hlungen auch immer noch gesellschaftlich pr\u00e4sent. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen Erz\u00e4hlungen Arbeitsrhythmen, Unterhaltungs- und Ruhephasen strukturieren. So geh\u00f6rt das Erz\u00e4hlen von Geschichten z.B. eher in die dunkle Jahreszeit. Durch Medien wird diese Taktung des Alltags verdichtet. K\u00fcnstliches Licht und Uhren ver\u00e4nderten die traditionellen Rhythmen von Arbeit und Erholung. Durch den Buchdruck und weitere Medien wurde dann der Medienkonsum zwar zur Sache des Einzelnen, gleichzeitig war aber eine neue Form der Vergemeinschaftung damit verbunden. Diese entstand dadurch, dass durch die Medien feste Strukturen geschaffen wurden, an denen viele Menschen partizipierten. So waren Tageszeitung, Tagesschau und bestimmte Serien bis zur fl\u00e4chendeckenden Nutzung des Internets, wo Nachrichten und Unterhaltung jederzeit f\u00fcr jeden verf\u00fcgbar sind, Formen, die breite Bev\u00f6lkerungsschichten miteinander verbanden.<br \/>\nMediale Angebote f\u00fchrten also lange zu einer Verdichtung der Strukturierung des Alltags, die sahen feste Konsumzeiten vor und lieferten verl\u00e4sslichen Gespr\u00e4chsstoff. Durch Smartphones und Tablets wird der Konsum von medialen Inhalten zwar zeitlich unabh\u00e4ngiger, dennoch sind gewisse (alte) Rituale des Medienkonsums (noch) habitualisiert und strukturieren weiterhin den Alltag.<\/p>\n<p>Ob dieser Wandel in der medialen Landschaft auch Auswirkungen auf die Aufnahmef\u00e4higkeit hat, ist noch nicht gekl\u00e4rt. C. Hayles unterscheidet zwischen Tiefen- und Hyperaufmerksamkeit. Diese sind aber nicht an den Konsum bestimmter Medienarten gekoppelt. Auch Computerspiele verlangen Tiefenaufmerksamkeit und Lesen kann Hypernetze generieren. Schon in alten Quilts (mit unterschiedlichen Stoffen und Mustern, die nur von Experten entziffert werden k\u00f6nnen), werden \u201eHyperlinks\u201c gesetzt. Neu ist vor allem das Tempo, die Vielfalt und die Art der Datentr\u00e4ger von Hyperverbindungen. W\u00e4hrend einerseits immer mehr Berufe Hyperaufmerksamkeit zwingend notwendig machen, gibt es andererseits zunehmend Versuche mit Handarbeit, Yoga und Meditation Gegenkulturen zu schaffen, um Pausen von der \u00dcbersimulation zu erm\u00f6glichen. Gerade Online-Spiele bieten allerdings eine Form der digitalen Vernetzung, die dem Bild vom vereinzelten Nerd entgegensteht.<\/p>\n<p>Die tiefen Gr\u00e4ben zwischen \u201eHoch-\u201c und \u201ePopul\u00e4rkultur\u201c werden nur langsam aufgebrochen. Die Analyse des seriellen Erz\u00e4hlens tr\u00e4gt dazu ebenso bei, wie das Entstehen neuer medialer Formen durch das Internet. Gerade der hohe Distinktionswert von Smartphones spielt dabei eine Rolle. Hinzu kommt, dass durch Fernsehen und Radio schichtgebundene Unterhaltung immer mehr aufgehoben wurde und die Trennung in \u201ehohe\u201c und \u201eniedere\u201c Unterhaltung in den Medien zunehmend erschwert wurde. Auch Werbung tr\u00e4gt zu diesem Prozess bei, besonders weil hochkulturelle Werbung schwierig zu machen ist.<br \/>\nBis in die 70er Jahre steht \u201eU-Kunst\u201c unter hohem Rechtfertigungsdruck. Auch die Wissenschaft besch\u00e4ftigt sich lange nicht mit Massenunterhaltung. In der Kulturanthropologie wird dieses Tabu erst durch Hermann Bausinger und besonders Kaspar Maase aufgebrochen. Maase kommt dabei das Verdienst zu, die \u201eSchmutz- und Schunddebatte\u201c aufgearbeitet und \u201edas Recht der Gew\u00f6hnlichkeit\u201c verteidigt zu haben. \u201eSchundliteratur\u201c hat zwar einerseits einen erstaunlich hohen Leserkreis, andererseits zeigt die Klassifikation ein Bed\u00fcrfnis Geschmack zu disziplinieren. Besonders deutlich sieht man solche Prozesse heute an der Auseinandersetzung um Computerspiele.<br \/>\nInsgesamt kann gesagt werden, dass Popul\u00e4rkultur ein essentielles Handlungsfeld der Moderne ist, dessen Analyse mehr Aufschluss \u00fcber die Gesellschaft gibt, als die Analyse von Hochkultur und m\u00fcndlicher Tradition.<\/p>\n<p>Serielles Erz\u00e4hlen ist keine Erz\u00e4hlform, die im Zusammenhang mit technischen Entwicklungen steht. Schon die Geschichten aus 1001 Nacht, Epen oder das ritualisierte Vorlesen einzelner Kapitel einer Geschichte zum Einschlafen sind seriell. Etwa seit den 1860er Jahren werden in Printmedien serielle Erz\u00e4hlungen abgedruckt.<br \/>\nBeim seriellen Erz\u00e4hlen gibt es eine starke gegenseitige Beeinflussung von Produktion und Konsumption. Einerseits beeinflusst die Erz\u00e4hlung das Alltagsverhalten der Konsumenten, indem zum Beispiel sehns\u00fcchtig auf den Erscheinungstermin des n\u00e4chsten Teils gewartet wird, andererseits f\u00fchrt das Beharren der Konsumenten auf das Einhalten von Erscheinungsterminen auch zu ver\u00e4nderten Produktionsbedingungen. Hinzu kommt, dass die regelm\u00e4\u00dfigen Auftr\u00e4ge eine finanzielle Absicherung f\u00fcr Autoren darstellen.<\/p>\n<p>Frank Kelleter stellt verschiedene Thesen zur Serialit\u00e4t als Erz\u00e4hlprinzip auf:<\/p>\n<ul>\n<li>Befriedigung der Nicht-Abgeschlossenheit, weil durch das aufgeschobene Ende ein Versprechen auf Fortsetzung besteht<\/li>\n<li>Negatives Figurendoppel, denn was w\u00e4re der Held ohne einen Gegenspieler?<\/li>\n<li>Serialit\u00e4t ver\u00e4ndert im 20. Jahrhundert kulturelle Sph\u00e4ren signifikant<\/li>\n<li>Figurenkonstanz und Schematisierung der Produktion<\/li>\n<li>arbeitsteilige Produktion der Erz\u00e4hlung<\/li>\n<li>hohe Marktabh\u00e4ngigkeit<\/li>\n<li>starke Intermedialit\u00e4t und Setzen auf Wiedererkennungseffekte (bspw. Schauspieler, die aus anderen Serien erkannt werden)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zwei Links zu Forschungsprojekten, die sich mit popul\u00e4rer Serialit\u00e4t besch\u00e4ftigen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sfb240.uni-siegen.de\/german\/\" target=\"_blank\">Sonderforschungsbereich 240 (1985-2000) \u201e\u00c4sthestik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.popularseriality.de\" target=\"_blank\">DFG Forschergruppe 1091 (2010-). \u201e\u00c4sthetik und Praxis popul\u00e4rer Serialit\u00e4t\u201c<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterhaltung im Medientakt: Zeitstrukturen und Meidenkonsum Alltagsleben v\u00f6llig ohne Struktur ist quasi unm\u00f6glich. Allein Essen und Schlafen brauchen eine gewisse Regelm\u00e4\u00dfigkeit. Auch der Jahres-, Monats-, Wochen- und Tageslauf stellen eine \u201enat\u00fcrliche\u201c Struktur des Lebens dar. Erz\u00e4hlungen sind mit dem Jahreslauf und (religi\u00f6sen) Ritualen verbunden. 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