{"id":159,"date":"2011-06-18T16:48:31","date_gmt":"2011-06-18T14:48:31","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=159"},"modified":"2013-09-30T20:09:54","modified_gmt":"2013-09-30T18:09:54","slug":"rezensiert-die-besondere-traurigkeit-von-zitronenkuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturblaettchen.de\/?p=159","title":{"rendered":"Rezensiert: Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen"},"content":{"rendered":"<p><em>Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen<\/em> beginnt mit der Entdeckung der neunj\u00e4hrigen Hauptfigur Rose, dass sie aus Essen die Gef\u00fchle derjenigen herausschmecken kann, die es zubereitet haben. So schmeckt der Geburtstagskuchen, den ihre Mutter aus frischen Zutaten f\u00fcr sie backt, f\u00fcr Rose nicht nur nach frisch gebackenem, leckeren Zitronenkuchen, sondern auch nach Traurigkeit. Als jedoch versucht mit ihrer Mutter \u00fcber dieses Erlebnis und die Traurigkeit, die sie geschmeckt hat zu sprechen, nimmt sich diese kaum die Zeit ihrer Tochter richtig zu zuh\u00f6ren. So versteht sie auch \u00fcberhaupt nicht, was das Problem der Tochter ist. \u00c4hnlich wiederholt sich das Geschehen beim Abendessen mit der ganzen Familie. Als Rose erneut mit den Gef\u00fchlen k\u00e4mpft, die sie im Essen schmeckt, macht sich niemand die M\u00fche verstehen zu wollen, was sie besch\u00e4ftigt. Diese seltsame Unverbundenheit und mangelnde Teilnahme in der Familie zieht sich dabei durch das ganze Buch und wirkt beim Lesen immer wieder stark irritierend. Die einzige Person, mit der Rose im Lauf der Erz\u00e4hlung \u00fcber ihre Erfahrung sprechen kann, ist ein Freund ihres \u00e4lteren Bruders, George, der von diesem aber eifers\u00fcchtig bewacht wird. In der Folge bleibt auch dieser Kontakt Roses seltsam lose und unbeendet.<\/p>\n<p>Um den Gef\u00fchlen der anderen, und besonders denen ihrer Mutter, im Essen zu entgehen, verlegt sich Rose darauf ausschlie\u00dflich Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, die so industriell wie m\u00f6glich hergestellt wurden. Schon nach den ersten Experimenten mit George, die dazu dienen herauszufinden, ob Rose aus allen Lebensmitteln Gef\u00fchle herausschmecken kann, beginnt sie mit niemandem mehr \u00fcber das Problem zu sprechen. Dabei scheinen aber auch alle Instanzen in Roses Umfeld zu versagen. Weder in ihrer Familie noch in der Schule versucht ein Erwachsener wirklich mit Rose zu sprechen, um herauszufinden, wie es ihr geht. Dabei wird jedoch in der ganzen Erz\u00e4hlung kein Grund daf\u00fcr gegeben, weshalb alle Protagonisten unf\u00e4hig sind soziale Beziehungen einzugehen. Stattdessen wird das Geschehen als nat\u00fcrlich dargestellt und nicht problematisiert.<\/p>\n<p>Besonders irritierend an <em>Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen<\/em> ist jedoch, dass mit Ende des ersten Drittels pl\u00f6tzlich nicht mehr Rose sondern ihr Bruder zur Hauptperson wird, obwohl weiterhin stets aus Roses Perspektive erz\u00e4hlt wird. Dabei gleitet die Erz\u00e4hlung zudem v\u00f6llig ins Phantastische ab, ohne dass dieser Bruch vorbereitet w\u00fcrde. W\u00e4hrend es im Bereich des Vorstellbaren liegt, dass Rose Gef\u00fchle aus Essen schmecken kann (diese F\u00e4higkeit scheint eher syn\u00e4sthetischer Natur zu sein), zieht ihr Bruder sich absurderweise aus der Welt zur\u00fcck, indem er sich in einen Stuhl verwandelt. Mit dem ersten unerkl\u00e4rten Verschwinden des Bruders, wird dessen Abwesenheit zum Hauptthema. Auch hier zeigt sich, dass niemand in der Familie bereit ist, wirklich \u00fcber Probleme zu sprechen. Es gibt keinen Versuch das Geschehen zu \u00e4ndern oder mit den sonderbaren Vorkommnissen aktiv umzugehen. Diese Passivit\u00e4t der Figuren ist zusammen mit dem sonderbaren Abdrehen der Handlung so anstrengend und verst\u00f6rend, dass man etwa ab der H\u00e4lfte des Buches nur noch weiterliest, um herauszufinden, ob es nicht doch noch vielleicht eine L\u00f6sung des Problems geben wird. Statt eines positiven Ergebnisses bricht Roses Familie jedoch auseinander. Ihr Bruder verschwindet endg\u00fcltig. Ihre Eltern leben weiter an einander vorbei. George l\u00f6st sich durch seine Heirat v\u00f6llig aus Roses Lebenskreis. Rose selbst findet ein Restaurant, in dem ihr das Essen einigerma\u00dfen schmeckt. Sie beginnt dort zu arbeiten &#8211; nimmt aber weiterhin so viel Automatenessen wie nur m\u00f6glich zu sich. Auf 298 Seiten schafft Rose es nicht, mit ihrer F\u00e4higkeit umzugehen zu lernen, stattdessen nutzt sie ausschlie\u00dflich Ausweichman\u00f6ver, um kein von Menschen zubereitetes Essen zu sich zu nehmen.<\/p>\n<p>Auch die Sprache des Buches ist seltsam gebrochen. Der Versuch die Sprache eines Kindes nachzuahmen missgl\u00fcckt. Dies liegt u.a. daran, dass Rose aus der Retospektive erz\u00e4hlt und ungef\u00e4hr 20j\u00e4hrig ist. Dennoch wird die Handlung erz\u00e4hlt, als ob Rose in dem jeweiligen Alter w\u00e4re, das erz\u00e4hlt wird. In der Folge kommt es zu einer Vermischung von kindlichem Stil und Worten und Phrasen, die eher Erwachsene benutzen w\u00fcrden. Dies zeigt sich besonders in der verwendeten Bildlichkeit: die verwendeten poetischen Bilder scheinen \u00fcbertrieben, oder werden sofort gebrochen, so dass sie \u00fcberwiegend negativ und st\u00f6rend auffallen.<\/p>\n<p><em>Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen<\/em>\u00a0von Aimee Bender ist in der deutschen Ausgabe 2011 im Bloomsbury Verlag in Berlin erschienen und kostet in der Hardcoverausgabe 19,90\u20ac. \u00dcbersetzt wurde das Buch von Christiane Buchner und Martina Tichy.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen beginnt mit der Entdeckung der neunj\u00e4hrigen Hauptfigur Rose, dass sie aus Essen die Gef\u00fchle derjenigen herausschmecken kann, die es zubereitet haben. So schmeckt der Geburtstagskuchen, den ihre Mutter aus frischen Zutaten f\u00fcr sie backt, f\u00fcr Rose nicht nur nach frisch gebackenem, leckeren Zitronenkuchen, sondern auch nach Traurigkeit. 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