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Serien, Fans und Produsage

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Die Einleitung zu diesem Artikel findet sich hier.
 

Fernsehen findet heute eigentlich im Internet statt. Fans streamen ihre Lieblingsserien, sammeln und diskutieren in Wikis und Foren jedes Detail, das es über Schauspieler, Produzenten und Inhalte zu finden gibt, und führen darüber hinaus die Geschichten in Fanfiction, Fan Art und Fan Videos selbst fort. Serielles Erzählen im TV, Fans und Formen von Produsage haben die Medienlandschaft verändert.

Serialität

Im Tagungsband „Populäre Serialität“ betont Frank Kelleter den Zusammenhang von Populärkultur und Serialität 1. Serien zeichnen sich dadurch aus, dass sie fortlaufenden Geschichten sind, die der Wiedererkennbarkeit wegen standardisiert sind, gleichzeitig aber immer neue Wendungen nehmen müssen, um spannend zu bleiben 2. Serien sind leicht in das Alltagsleben zu integrieren und können

eine geradezu epidemische, d.h. außergewöhnlich reproduktionsintensive und differenzierungsfreudige Wirkung auf die alltägliche und zunehmend auch die öffentliche Kommunikation ihrer Leser, Zuschauer und Produzenten entfalten“ 3

Bedingt wird dies vor allem durch einen Veränderung des seriellen Erzählens, die vielfach an der amerikanischen Serie The Sopranos (HBO 1999-2007) festgemacht wird. Im so genannten Quality-TV werden „narrativ komplexe Sendungen“ 4 gezeigt, die sich deutlich von konventionellen Produktionen unterscheiden: Sie kombinieren episodische Handlungsstränge mit multiepisodischen Handlungsbögen 5 und haben eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit 6. Durch diese veränderte Erzählstrategie verschiebt sich das Interesse der Zuschauer von den Erzählinhalten auf die Art und Weise, wie erzählt wird 7. Serien die so erzählt werden, zeichnen sich durch eine hohe „rewatchability“ 8 aus, Fans gucken diese Serien wieder und wieder und können dabei immer neue Facetten der Erzählung entdecken. Diese Fans werden auch selbst aktiv, indem sie über die Serien diskutieren. Ihr Feedback wird für die Autoren und Autorinnen der Serien und den weiteren Verlauf der Geschichten wichtig 9. Aber auch für die Verbreitung der Serien über verschiedene mediale Systeme, unterschiedliche Medienökonomien und nationale Grenzen ist die aktive Teilnahme der Seriengucker wichtig 10.

Fans

Fans tun ganz explizit das, was alle anderen auch tun: Sie beschäftigen sich jeden Tag mit Texten und Medien. Sie gehen mit diesen (und ihrem Fan-Sein) spielerischen um und nehmen sich selbst meist nicht allzu ernst 11. Da Fans den medialen Wandel repräsentieren werden sie für die Rezeptionsforschung besonders relevant 12. Faye beschreibt in ihrem Vorwort zu Sherlock and Transmedia Fandom die Gefühlslage von Fans:

„What we want is more stories, and we will find them – one way or another, and by various methods, each suited to our nature and our age and our tastes and our creativity.“ 13

Eine besondere Rolle bei der Fortführung von Geschichten durch Fans spielt Fanfiction. Diese erfüllt nicht nur das Bedürfnis von Fans nach immer weiteren Geschichten. Durch Fanfiction füllen Fans auch Lücken die in der seriellen Erzählung vorhanden sind 14, oder interpretieren Figuren und Handlungen ganz anders als im Original, wenn ihre Leseerwartung von den Autoren nicht erfüllt wird 15. Durch das Internet und Seiten wie fanfiction.net w oder livejournal.com können Fans dabei nicht nur ihre Geschichten besonders leicht veröffentlichen, sondern auch gegenseitig kommentiern und so verbessern und verändern. Auch multible Autorenschaften und intertextuelle Verweise werden auf diesen Plattformen erleichtert 16. In ihrem Band zu Fanfiction schreibt Jamison: „Sometimes, at some of its best times, fanfiction is a game writers play for the game‘s own sake.“ 17.

Zwischenbemerkung: Sherlock Holmes und Fanfiction

Während Harry Potter zumindest auf fanfiction.net, einer der größten Seiten auf der Fanfiction publiziert werden kann, mit über 680000 Geschichten 18 das Buch mit den meisten Fanfictions ist, kann Sherlock Holmes auf eine sehr lange Geschichte der Pastiches und Fanfictions zurückblicken 19. Sherlock Holmes, ist nach Jamison, die Figur mit den meisten spin-offs, Pastiches und Adaptionen in den unterschiedlichsten Medien 20. Diese Geschichten wurden in Fanzines, also von Fans herausgegebenen Magazinen, veröffentlicht. Üblicherweise erzählen sie im Doyleschen Kanon erwähnte, aber nicht ausgeführte Fälle 21. Als Modus der Erzählung wählen die Fans dabei den gleichen Stil, wie A.C. Doyle 22. Sie spielen „The Great Game“, in dem sie die Geschichten von Sherlock Holmes so betrachten, als hätte es Sherlock Holmes und John Watson tatsächlich gegeben. Doyle wird in diesem Kontext nur noch zum Chronisten, der reale Ereignisse aufschreibt 23. Weil sich Fans durch diesen Schreibmodus besonders intensiv mit den Figuren und dem Stil des Kanons auseinandersetzten, haben sie ein „even more complicated relationship with the fidelity of adapitions than does the average critical fandom.“ 24
Im Internet finden sich Geschichten zu Sherlock Holmes allerdings erst, seit der Veröffentlichung von Sherlock (BBC 2010-) 25. Auf fanfiction.net gehört Sherlock mit 46200 Geschichten zu den Top 5 der Serien 26 Grund für diese extrem Hohe Zahl an Geschichten ist, dass Sherlock mit 3 Staffeln pro Episode eine ausnehmend kurze Serie ist und die einzelnen Staffeln darüber hinaus auch noch mit einem Abstand von zwei Jahren gesendet werden.
Hiatus
Dennoch ist die Serie sehr erfolgreich, und das obwohl Sherlock Holmes viele Eigenschaften (wie beispielsweise sein Drogenmissbrauch) und ikonographische Details (der Deerstalker) fehlen, die sonst für Adaptionen üblich sind. Gleichzeitig steckt sie aber voll Referenzen auf den Kanon der Geschichten von Doyle, die auch immer noch wirken, obwohl Sherlock keine historische sondern eine moderne Adaption ist. Die Serie spielt im England des 21. Jahrhunderts und Sherlock Holmes benutzt moderne Technologien um seine Fälle zu lösen. Auch die Visualiserung der Handlung durch Kameraführung und Texteinblendungen ist sehr modern. Allerdings kritisiert Balaka Basu, dass Sherlock viele Aspekte des modernen Lebens in Londen unterschlage und wirke wie eine Vorstellung des 21. Jahrhunderts aus dem 19. Jahrhundert gesehen 27.
Da die Regeln von Fanfiction weniger streng sind, als die von „The Great Game“ 28 und das Bedürfnis der Autoren mehr über die Figuren zu erfahren groß ist 29, gibt es keine Variation von Figurenkonstellation oder Handlung mehr, die zu Sherlock noch nicht erzählt ist: „There‘s not one lonely little kink left unloved in the Sherlock fandom.“ 30. Die Geschichten auf fanfiction.net drehen sich dabei vor allem um die emotionalen Aspekte der Serie. Denn während zwar von allen Figuren immer wieder eine romantische Beziehung zwischen Sherlock und John angedeutet wird, streiten die beiden diese mit einer Vehemenz ab, die es verlockend macht ihre Geschichte anders zu erzählen. Unter dem Hashtag #Johnlock schreiben Fans zu allen Aspekten der Bromance.
*********Spoilers für The Reichenbach Fall
Auch das Ende von The Reichenbach Fall wird in Fanfictions ausgiebig thematisiert. Denn obwohl sich die gesamte Episode nur darum dreht, zu erzählen, wie Sherlock Selbstmord begeht, wissen die Zuschauer zwar am Ende, wie es dazu kam, aber nicht, wie es passieren konnte, dass er doch überleben konnte. Die Fanfiction zu The Reichenbach Fall bleibt allerdings vornehmlich innerhalb der Regeln von The Great Game und damit in der Perspektive von John Watson, der im Gegensatz zu den Zuschauern nicht weiß, dass Sherlock Holmes noch lebt. Die Geschichten erzählen also besonders den Trauerprozess der unterschiedlichen Charaktere.
*********Ende Spoilers für The Reichenbach Fall

Produsage

Die Interaktion von Fans mit ihren Serienhelden oder der Übergang vom passiven Konsum zur aktiven Nutzun markiert einen Kulturellen Shift, den Jenkins als „convergence culture“ 31 bezeichnet: „Convergence involves both a change in the way media is produced and a change in the way media is consumed.“ 32. Der gleiche Prozess wird von Bruns als „produsage“ beschrieben und detailliert ausgeführt. Produsage steht ihm zufolge im direkten Kontrast zur industriellen Produktion und ist durch einschneidende Veränderungen in der Produktionskette von Produzenten über Händler zu Konsumenten geprägt 33. Durch das Internet als Massenmedium verändert sich der Zugang zu Informationen und Produktionsmitteln, es entstehen peer-to-peer Modelle sozialer Organisation und das Teilen von Inhalten wird immer einfacher 34. Konsumenten werden zu Nutzern und können mit den Produzenten auf gleicher Ebene kommunizieren 35. Im Internet werden Nutzer aktiv involviert, die Trennung zwischen Produktion und Nutzung von Inhalten kann immer weniger klar vollzogen werden 36. In diesem „Produktionsprozess“, der in viele kleine Einzelschritte geteilt ist, die jederzeit von allen eingesehen werden können, ist jeder Beitrag gleichwertig. Das Produkt, das am Ende entsteht ist der Allgemeinheit zugänglich 37, oder nach v. Hippel ein „commons“ 38, das ständig in Entwicklung bleibt 39.

Sherlock entsteht als Fanprodukt von Steven Moffat und Mark Gatiss 40. Durch die geschickte Übertragung in die Moderne, schaffen Moffat und Gatiss es die Serie außerhalb des üblichen Fan-Diskurses zu stellen und so sowohl neue Zuschauergruppen zu erschließen, als auch die alten Sherlock-Holmes-Fans, die eigentlich besonders kritisch sind, für sich zu gewinnen 41. Dadurch wurde die Serie für die Forschung besonders interessant, denn es können nicht nur individuelle und gemeinschaftliche Fan-Zugänge, sondern auch unterschiedliche Generationen von Fans analysiert werden 42. Obwohl die Serie explizit ein Fan-Produkt von Moffat und Gatiss ist, stellen sowohl Hills als auch Basu in ihren Analysen fest, dass die beiden als Autoren Fanfiction zwar anerkennen, aber sich und die Serie zumindest in den ersten beiden Staffeln davon distanzieren 43. In der Folge gebe es auch kein „folding text“ (nach Berger/Marlow), „where non-canonical fan wirting can supposedly be folded back into canonical, professional screenwriting.“ 44 Dabei regt die Serie als teil von „media culture permeated with clues and vital knowledge,“ 45 die Fans ganz besonders dazu an über die erzählten Geschichten zu spekulieren.
 

Weiter geht es mit Teil 1 meiner Analyse #sherlockNotDead und Teil 2 Be careful what you post on Tumblr…

  1. (Kelleter) S. 12
  2. (Kelleter) S. 22
  3. (Kelleter) S. 23
  4. (Mittell) S. 97
  5. (Mittell) S. 106
  6. (Mittell) S. 110, (Kelleter) S. 21
  7. (Mittell) S. 111
  8. (Mittell) S. 102
  9. (Mittell) S. 104
  10. Jenkins, H. (2006) Convergence Culture. Where Old and New Media Collide. New York, London. S. 3
  11. (Booth) S. 12
  12. (Booth) S. 1
  13. (Faye) S. 2
  14. (Booth) S. 6
  15. (Jamison) S. 31
  16. (Faye) S. 2f
  17. (Jamison) S. 8
  18. https://www.fanfiction.net/book/ zuletzt eingesehen: 12.05.2014
  19. Im Gegensatz zu Fanfiction, die ausschließlich dadurch definiert wird, dass sie eben von Fans geschrieben wird, imitieren Pastiches auch den Stil ihres Vorbildes.
  20. (Jamison) S. 40
  21. (Jamison) S. 43
  22. Polasek, A. D. (2012) ‘Winning “The Grand Game”. ‘Sherlock’ and the Fragmentation of Fan Discourse’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 41–54. Hier: S. 43
  23. Stein, L. E. & Busse, K. (2012) ‘Introduction: The Literary, Televisual and Digital Adventures of the Beloved Detective.’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 9–24. Hier: S. 18
  24. Polasek (2012) S. 44
  25. (Jamison) S. 46
  26. https://www.fanfiction.net/tv/ zuletzt eingesehen: 12.05.2014
  27. Basu, B. (2012) ‘‘Sherlock’ and the (Re)Invention of Modernity’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 196–209. Hier: S. 199
  28. Polasek (2012) S. 49
  29. (Faye) S. 5
  30. (Atlin Merrick) S. 50
  31. Jenkins (2006) S. 3
  32. Jenkins (2006) S. 16
  33. (Bruns) S. 9
  34. (Bruns) S. 13f
  35. (Bruns) S. 14
  36. (Bruns) S. 18
  37. (Bruns) S. 19f
  38. (Bruns) S. 23
  39. (Bruns) S. 22
  40. Adams, G. (2012) Sherlock. The Casebook. Wemding. S. 2f
  41. Polasek (2012) S. 41f
  42. Stein/Busse (2012) S. 16
  43. Hills, M. (2012) ‘”Sherlock’s” Epistemological Economy and the Value of “Fan” Knowledge. How Producer-Fans Play the (Great) Game of Fandom’. In: Louisa Ellen Stein & Kristina Busse (Hg.): ‘Sherlock’ and Transmedia Fandom. Essays on the BBC series. Jefferson (North Carolina), London. S. 27–40. Hier: S. 34f; Basu (2012) S. 209
  44. Hills (2012) S. 35
  45. Hills (2012) S. 31f

Vom Märchenleser zum Serienjunkie (11)

Gebloggt am: 27.01.2014 von Lisseuse

Serienkonsum, Soziabilität, Partizipation. Der Geschichten getränkte Alltag

Serienwissen schafft neue Narrative. Serien führen zur Verdichtung von narrativem Wissen. Serien führen zum von Geschichten durchdrängten Alltag.

Fans produzieren neue, breit rezipierte Medieninhalte:

Die Zirkulation von Erzählinhalten ist eng verbunden mit Distinktionsmechanismen. Während im 19. Jahrhundert der bürgerliche Geschmack und die Felder der Kultur, die als “Hochkultur” bezeichnet werden, prägend sind, werden im 21. Jahrhundert Wertzuschreibungen ausgeweitet. Nun können auch populäre Stoffe der Distinktion dienen. Die Unterhaltungsindustrie führt zu einer Globalisierung von Unterhaltung und dazu, dass auch andere als europäisch-bürgerliche Skalen von Wertzuschreibungen relevant werden (Bsp. indische Hochkultur, japanische Animes). Werte werden in der Folge zunehmend hybrid. Die Zuordnung zu bestimmten Geschmacksschichten wird schwierig.

In seinem Talk auf dem 11. Kongress der SIEF zeigt Joep Leerssen beispielsweise, wie das Schlafmotiv aus Schneewittchen weltweit zirkuliert:

Urban beschreibt den Prozess von “Metaculture”: durch Zirkulation der Inhalte kommt es zu immer stärkerer Medienverdichtung. Dieser Prozess beschleunigt sich immer mehr. Gerade Remakes und Retellings, bei denen der selbe Stoff in neuen Medien adaptiert wird, tragen dazu bei (Bsp. Miss Marple: Buch => Film; Feuervogel/Phönix: Erzählung => Märchen => Ballett). Besonders in Hollywood ist diese Methode sehr beliebt. Dem gegenüber steht, dass mündliches Erzählen eigentlich immer ein Remake ist, da jede Erzählperformanz einmalig ist. Remakes können als Varianz des Seriellen aufgefasst werden. Auch sie spielen mit der Lust an Varianz und Differenz des immer selben Stoffes.
Erst durch die Rezipienten wird die Zirkulation von Inhalten erfolgreich. So folgen beispielsweise die Rezipientinnen von Buffy dem Produzenten Joss Wheedon und den Schauspielern zu anderen Serien wie Angel und Bones.
Während Vereine eine aussterbende Organisationsform des 19. Jahrhunderts zu sein scheinen, wachsen digitale Vernetzung und Fan-Conventions.

Der Konsum von Serien regt auch die Lust am eigenen Erzählen an. Fanzines und Fanfiction-Foren geben ein eindrucksvolles Beispiel davon. Diese Erzählungen von Fans werden mit hohem Aufwand an kreativer Energie und Arbeit produziert. Sie heben den Status von Serien und lassen Handlung und Charaktere von Erzählungen in Varianten fortleben. Autorenschaft kann in der Folge nicht mehr klar von Rezeption getrennt werden. Es entstehen neue Formen von “narrativen Allmenden” oder erzählerischem Gemeingut, auf die gegenwärtig gültiges Urheberrecht nicht mehr anzuwenden sind.

Durch das Zusammenwachsen von Übertragungs- und Nutzungswegen, der Vernetzung von Produktion, Produkt, Distribution und Rezeption und der multiblen, parallelen und überlappenden Nutzung von Erzählungen entstehen verschiedene Formen der Medienkonvergenz. Alex Bruns beschäftigt sich mit verschiedenen Formen von Produsage, also Formen bei denen zwischen Produktion und Nutzung von Inhalten nicht mehr klar getrennt werden kann. Ein Beispiel für die Möglichkeit Dinge nicht nur zu nutzen, sondern sich auch in die Produktion einzubringen, ist Wikipedia. Die Dichotomie zwischen passivem Konsumenten und aktivem Produzenten wird bei solchen Formen zumindest teilweise aufgelöst. Allerdings gibt es auch Formen, wie beispielsweise Fanwikis, die ursprünglich von Rezipienten also als Form von Produsage entstanden sind, heute aber wieder von Seite der Produzenten gleich beim Erscheinen von Serien oder Filmen mitgeliefert werden.
In der Convergence Culture werden Erzählungen bewusst so konstruiert, dass die Partizipation daran möglich ist.


Vom Märchenleser zum Serienjunkie (5)

Gebloggt am: 25.11.2013 von Lisseuse

Technische Innovationen und Sinnesarbeit

Durch Medien werden Erzählungen verändert.

Im Kommunikationsmodell nach Jacobson steht zwischen dem Sender und dem Empfänger einer Nachricht nicht nur die Nachricht selbst, sondern auch ihr Kontext, ihr Übermittlungskanal und ihr Code. Erst aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Vermittlungsaspekte ergibt sich die eigentliche Botschaft.

Durch den Druck verändert sich so zum Beispiel auch, wie Geschichten vorgetragen werden:

Die Zuhörer können jetzt nicht nur der Geschichte zuhören und eigene Bilder im Kopf haben, sondern bekommen Illustrationen mitgeliefert. Aus heutiger Sicht mag dies banal und wenig imposant wirken, aber historisch gesehen sind in einer Zeit der Bilderarmut solche Geschichten mit gelieferten werden sehr einprägsam.

Mit dem Buchdruck wird schließlich der Zugang zu Wissen für breite Bevölkerungsschichten revolutioniert. Neben Enzyklopädien und der Bibel ist plötzlich auch Literatur leichter zugänglich. Kolporteure verbreiten Volksbücher und andere Geschichten als Hausierer. Die Zensurbehörden versuchen dabei mit pädagogischen Maßnahmen auf die verbreiteten Inhalte einzuwirken. Gleichzeitig werden als minderwertig verschrieene Bücher aber auch von einer intellektuellen Oberschicht interessiert gelesen.
Die Kritik am billigen Massenvergnügen endet dabei allerdings nicht mehr, sobald sie einmal begonnen hat. Während früher besonders Unterschiede zwischen „hoher“ und „populärer“ Literatur gezogen wurden (oder dem literarisch wertvollen Drama im Gegensatz zum „Schundroman“), wird Medienkritik heute besonders am Fernsehkonsum sichtbar. Allerdings ist auch hier ein Umbruch zu spüren: Etwa seit 2000 entsteht „Quality TV“, wo bestimmte Serien als besonders herausragendes Erzählen interpretiert werden. Dies gilt zum Beispiel für Sorpanos, Mad Men oder auch Sherlock. Man könnte nun unterstellen, dass dieser Aufwertungsprozess hauptsächlich das Ziel hat, auch hochkulturell-positionierten Fernsehkritikern zu ermöglichen ohne schlechtes Gewissen Serien zu konsumieren.

Das steigende Tempo in der Produktion von neuen Geschichten (Serien!!) verändert die Erwartungen der Konsumenten an Geschichten.
http://www.youtube.com/watch?v=YlrP2IR58


I’m not a Series Junkie: Black Books

Gebloggt am: 03.09.2013 von Lisseuse

Dass ich ausgerechnet in Weimar beim Goethe-Sommerkurs Tipps für tolle englische Serien bekommen würde, musste schon allein passieren, damit das jetzt  hier so hinschreiben kann. Immerhin geht es in Black Books auch um Bücher und Literatur – zumindest irgendwie im Hintergrund. Hauptzutaten sind allerdings böser schwarzer Humor und eine ziemlich gute Besetzung, die quer durch die britische Comedy-Szene gecastet wurde.

Heut habe ich damit begonnen die erste und zweite Staffel zu gucken und in manchen Episoden habe ich Tränen gelacht. Und sehr bedauert, dass ich die Serie jetzt erst zum ersten Mal sehe und nicht bereits in das Repertoire der Serien aufgenommen habe, die ich immer und immer wieder gucke. Denn ich habe den  Verdacht, dass dies eine der Serien sein könnte, die durch mehrmaliges Gucken nicht langweiliger sondern besser werden.

Bernard Black (Dylan Moran) ist ein vertrottelter Buchhändler, der lieber raucht und säuft als Bücher verkauft und generell am liebsten einfach den ganzen Tag seine Ruhe hätte. Seine Kunden stören ihn dabei sowieso nur, weshalb sie also freundlich behandeln. Mehr durch Zufall und Trägheit gerät er an Manny Bianco (Bill Baily), den er eigentlich als Buchhalter einstellt. Spätestens nach der zweiten Folge ist allerdings klar, dass dies auch nicht zu mehr Struktur und Ordnung im Laden führt, sondern dass sich das Chaos nur vervielfacht. Denn Manny ist ebenso verschroben und sozial-inkompatibel wie Bernard. Die dritte im Bunde ist Fran Katzenjammer (Tamsin Greig), die den Nippesladen nebenan führt. Auch sie schlägt sich ununterbrochen mit allerlei Problemen auf der zwischenmenschlichen Ebene herum. Dass die Freundschaft der drei vornehmlich auf gegenseitigem Sadismus besteht, macht dabei den besonderen Reiz der Serie aus.

Für eine wundervolle Parodie auf die Konflikte zwischen pubertierenden Kindern und ihren Eltern empfehle ich Folge 6 der ersten Staffel.