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“The Lobster” – absurdes Lieben in Perfektion

Gebloggt am: 12.07.2016 von Corinna

Yorgos Lanthimos neuer Film “The Lobster” ist verstörend wie faszinierend zugleich. Wer einen Film über Liebe sehen möchte, der nicht den klassischen Hollywooderzählstrang folgt, ist hier genau richtig.

Der Film “The Lobster” (Der Hummer) startet unvermittelt damit, dass eine Frau aus einem Auto steigt und einen von zwei grasenden Eseln erschießt und anschließend weiterfährt. Es gibt hierfür keine weitere Erklärung später im Film, gibt dem Zuschauer jedoch bereits einen Vorgeschmack auf die Grundstimmung des Films. (Wer den Film sehen möchte, sollte hier zu lesen aufhören.)

David (Colin Farrell) kommt in einem Hotel an, in dem Singles untereinander vermittelt werden. Jeder neuankommender Single hat 45 Tage Zeit einen Partner zu finden unter den anderen Hotelgästen. Damit jeder die gleichen Chancen hat, gibt es für jedes Geschlecht auch die gleiche Kleidung, vier Alltagsroben und eine Galaversion. Die Spielregeln sind klar: Schafft man es nicht innerhalb dieser 45 Tage einen Partner zu finden, wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt. Indem man jedoch “Loners” auf der Jagd erlegt, kann man diesen Tag hinausschieben. Die “Loners”, oder Alleingänger, sind diejenigen, die aus dem System ausgebrochen sind und bewusst allein leben wollen. Dafür müssen sie in Kauf nehmen, nur in den Wäldern eine Heimat zu haben und von den “normalen” Menschen im Hotel gejagt und verachtet zu werden.

Im Hotel werden Verstöße gegen die Spielregeln bzw. Moral geahndet: wer im Singlebereich wohnt, hat kein Recht auf Selbstbefriedigung oder Sex mit einem weiteren Single. Erst wenn man sich offiziell einen Partner ausgesucht hat und in den Paarbereich umziehen darf, hat man ein Recht darauf. Bis dahin erhalten die Singles Schießunterricht, um besser auf den Jagden zu sein und werden instruiert, wieso ein Single – Dasein nur negativ sein kein. Schafft man es und findet einen Partner der zu einem passt, was auf einer simplen Ähnlichkeit wie häufigen Nasenbluten beruhen kann, hat man weitere zwei Wochen Probezeit im Paarbereich. Dann kann man endlich in die Stadt zurück, wo jedoch auch peinlich genau öffentlich geprüft wird, ob man einen Partner hat mittels eines Zertifikats.

Als Zuschauer braucht man erst eine Weile bis man versteht, in welcher Welt man sich bewegt. Irritierend sind zum einen die kalten, blassen Farben, in denen der Film gefilmt ist und zum zweiten die Musik, die durch die Dissonanzen harmlose Szenen unangenehm machen. David fügt sich seinem Schicksal und versucht jemanden ähnlichen zu finden. Nachdem es relativ erfolglos ist, verlegt er sich auf das Taktieren, wie ein Freund von ihm. Dieser gibt vor auch häufig Nasenbluten zu haben, wie eine der jungen Frauen, um als Mensch zu überleben. David gibt vor keine Gefühle zu haben, genauso wie eine der Singlefrauen. Als diese jedoch im Paarbereich merkt, dass es sich um eine Lüge seitens David handelt, will sie ihn direkt zur Hotelmanagerin bringen. Mithilfe eines Zimmermädchens schafft er es sie jedoch in den Transformationsraum zu bringen, in dem sie in ein Tier verwandelt wird. David flieht in die Wälder und wird ein “Loner”.

Dort verliebt er sich in die Kurzsichtige (Rachel Weisz). Doch auch hier ist es strikt verboten jemanden anderen zu zu küssen oder zu lieben und wird vom Anführer der Gruppe (Lea Seydoux) mit Strafen geahndet. Dennoch beginnen David und die Kurzsichtige einen Code zu entwickeln, mit dem sie sich durch Gesten verabreden können zum Sex. Sporadisch machen die Anführerin mit einem Mann, sowie David und die Kurzsichtige einen Ausflug in die Stadt, wo sie die Eltern der Anführerin besuchen. Hier wird der Anführerin auch klar, dass sich David und die Kurzsichtige lieben. Daher macht sie dem ganzen auch Ende, in dem sie die Kurzsichtige unter dem Vorwand die Augen für besseres Sehen lasern zu lassen, blenden lässt. Dies geschieht kurz bevor die beiden aus den Wäldern in die Stadt fliehen wollen.

Doch das bringt die beiden nicht von ihrem Plan ab. Nach einigen Wochen fliehen sie in die Stadt. Da zuvor ihre Gemeinsamkeit in der Kurzsichtigkeit bestand, scheint David entschlossen, sich nun auch zu blenden, sodass sie beide blind sind. Da alle in dem Film sehr unterkühlt und ohne Emotion, fast puppenartig wirken, gibt diese Annäherung zwischen David und der Kurzsichtigen Hoffnung. Dennoch bleibt David mit seiner eigenen Blendung in der gleichen Logik der Hotelgäste: eine simple Gemeinsamkeit bildet die Basis für eine Beziehung.  Der scheinbare Ausbruch aus dem System, da sie obwohl sie Loner sind Gefühle für einen anderen Menschen hegen, bleibt unvollendet.

Am Ende bleibt man ratlos zurück: die einzelnen Versatzstücke ergeben kein kohärentes Gesamtbild. Einziger roter Faden:Das Verständnis von Beziehung ist absolut pervertiert und absurd. Man könnte den Film als Kritik an unserer Gesellschaft sehen, die nach wie vor das Leben in einer Partnerschaft als das erstrebenswerte hochhält. Auch wenn vielleicht an der Modernität des Konzepts der “Ehe” zweifeln mag, so ist doch die Mehrheit der Menschen auf der Suche nach einem Partner. Hotelzimmer werden günstiger als Doppelzimmer und in Restaurants sitzt man auch selten gerne allein. Nur Exzentriker und Mönche sind heute noch tatsächlich anerkannte Singles für immer. Dabei braucht es ja nach Lanthimos gar nicht viel für eine scheinbar funktionierende Partnerschaft: eine oberflächliche Gemeinsamkeit wie häufiges Nasenbluten reicht schon vollkommen aus, dass man in die Familienidylle eintreten kann. Klappt es nicht mehr so gut, erhält man ein Kind (im Film wie in der Realität), dass dann die Probleme verlagert und die Partnerschaft andauern lässt. Tiefergehende Liebe als Akzeptanz des Partners als Ganzes oder der bewussten Entscheidung scheint es nicht mehr zu geben. Man muss, nachdem eine Partnerschaft endet,  schnellst möglich wieder einen neuen Partner finden.

Wer also bereit ist, sich auf zwei Stunden Absurdität einzulassen, wird nicht enttäuscht mit diesem Film.