Ins Internet schreiben

Gebloggt am: 06.01.2015 von Lisseuse

Gestern Abend bin ich über Minas Artikel Verletzlich auf ihrem Blog Frau Dingens gestolpert. Dieser wurde ausgelöst durch das Bedürfnis einfach mal schlechte Laune und Unwohlsein im Netz ablassen zu können und dem Gefühl, dass das nicht so einfach möglich ist. Sie schreibt darüber, wie sie wie sie nicht von Leuten aus dem Netz, die sie gar nicht kennen, bewertet werden will. Und wünscht sich einen Ort im Internet, wo sie einfach so sein kann, wie sie ist. Wie sehr sie Recht hat!

Für mich gehört sie zu der Gruppe von Leuten im Netz, die ich irgendwie mag und bewundere. Denn natürlich ist mir völlig klar, dass sie in der Realität nicht zu 100% so ist, wie es sich im Netz darstellt. Dieses Wissen führt bei mir dazu, dass ich eine große Hemmung habe, Leute aus dem Internet im echten Leben anzuquatschen. Denn die Antwort auf: “Bist du nicht xy aus dem Internet?”, ist viel zu offensichtlich: “Nein. Ich bin viel mehr.” Meistens möchte ich die Leute sogar im Internet in Ruhe lassen – woher soll ich das Recht haben, einfach so Fremde anzuquatschen?

Aber das ist gar nicht so sehr das, worum es mir heute eigentlich geht. Minas Artikel hat mich dazu gebracht noch mal anders über die Frage nachzudenken, die ich mir seit Wochen stelle. Nämlich die Frage danach, was wohl der Grund ist, warum ich momentan so wenig blogge, twittere, … warum ich seit Monaten kaum noch aktiv am Leben im Netz teilnehme.

Vielleicht liegt es daran, dass auch ich beobachten kann, wie der Ton im Internet immer rauer wird. Wie immer wieder Frauen 1 im Internet an Anfeindungen und Androhungen scheitern. Und das meist allein dafür, dass sie eine Geschichte erzählen oder ihre Meinung äußern. Und im deutschsprachigen Internet ist hier eben für mich persönlich das Beispiel von Mina besonders prägend. Sie ist aus vielen Gründen eine von denen, die mir auf Twitter fehlen, wenn sie gehen. Und deshalb fällt mir auf, wenn sie ihren Twitteraccount schließt, weil sie den Hass nicht mehr erträgt. Ihn wieder öffnet, weil ihr Twitter fehlt. Ihn wieder schließen muss und wieder öffnet. Respekt! Das was sie von sich im Internet zeigt ist bewundernswert energiegeladen, motiviert, begeistert.

Jedenfalls, der Grund, warum ich gerade deshalb heute doch einen Blogpost schreibe, ist, dass es offensichtlich einfach mehr normale Leute im Netz braucht. Diejenigen, die Menschen auch wieder aus den Schubladen lassen, in die sie sie gepackt haben, müssen sich vielleicht mehr zu Wort melden. Dann entsteht vielleicht eine Atmospähre, in der auch Angst und Verletzlichkeit und generelles Unwohlsein geäußert werden können. Dann muss niemand befürchten pauschal verurteilt zu werden, nur weil er mal auch eine andere Seite von sich zeigt. Dann kann das Internet der bunte Ort werden, den ich gerne hätte.

Und wenn diese Leute alle mehr bloggen, dann verteilt sich vielleicht auch der Hass und die negative Resonanz auf mehr Schultern und wird einfacher zu tragen.

  1. Natürlich sind es nicht nur Frauen, denen so was passiert. Aber (und das mag auch an den Themen liegen, für die ich mich interessiere) es sind eben gerade Frauen. Andererseits: Wenn ich an Fälle wie Anita Sarkeesian denke, dann zählen die Männer, die im Internet angegangen werden, vielleicht doch nicht mit.

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