Archive for the ‘Unterhaltung’ Category

Schweizer Entdeckungen IV – der Symbolist Ferdinand Hodler

Gebloggt am: 11.02.2017 von Corinna

Wenn ich von Ferdinand Hodler bestimmt auch vor meiner Reise in die Schweiz schon vereinzelt Bilder gesehen habe, so hat mir doch die breitere Sammlung des Kunsthaus Zürich einen umfassenderen Blick auf sein Werk ermöglicht.

Ferdinand Hodler (1853-1918) ist ein Schweizer Künstler, dessen Stil vor allem dem Symbolismus bzw. dem Jugendstil zugeordnet wird. Von früher Kindheit an ist die Malerei für Hodler bereits ein Brotberuf, wobei er sich zunächst vor allem an den Alten Meistern orientiert. Erst ab den 1880ern löst er sich von seinen Vorbildern und beginnt mehr in seinem eigenen Stil zu malen.

Er malt unter anderem Ansichten der Bergmassive vom Genfer See aus oder stark symbolisch konstruierte Bilder, wie zum Beispiel „Der Tag“, bei dem fünf nackte Frauen vom Aufwachen bis zum Schlafen gehen die unterschiedlichen Tageszeiten symbolisieren. Ein weiteres Beispiel hierfür ist das Gemälde „Die Wahrheit“, in dessen Mitte sich eine nackte, blasse, magere Frau mit erhobenen Händen und stechendem Blick befindet. Zur Rechten und Linken wenden sich mehrere Figuren ab von ihr, mit schwarzer fetzenartiger Kleidung bedeckt. Als Betrachter wird man vor allem von dem stechenden Blick der Frauenfigur in der Mitte gebannt.

Was mich persönlich an seinen Werken fasziniert, ist der Einsatz von Farbe in seinen Landschaften und die Motivwahl. Denn seine lichten Farben, die er bei seinen Landschaften nutzt, vermitteln eine Art beruhigenden Seelenlandschaftseindruck, wenngleich sie auch reale Orte darstellen. Er arbeitet häufig mit gelb-blau-lila Kontrasten, um Lichtstimmungen darzustellen. Über Symbolismus kann man sich zwar streiten und manch einem mag die Darstellung von Themen wie „Der Tag“ zu plakativ sein. Dennoch ist bewundernswert, wie es Hodler schafft in seinem Werk dies klar umzusetzen und den Betrachter in seinen Bann zu ziehen.

Mehr von Ferdinand Hodler kann man im Kunsthaus Zürich und im Kunstmuseum Bern sehen.


Schweizer Entdeckungen III – Giacometti Werkschau

Gebloggt am: 04.02.2017 von Corinna

Ähnlich wie mit August Strindbergs malerischen Werk ging es mir mit Schweizer Alberto Giacometti (1901-1966). Aus früheren Ausstellungsbesuchen verband ich mit Alberto Giacometti vor allem lange, drahtig gebaute Skulpturen mit sehr unregelmäßiger Oberfläche. Die Werkschau „Giacometti – Material und Vision“ im Kunsthaus Zürich ließ mich jedoch auch hier ein wesentlich differenzierteres Werk kennenlernen.

Die Grundlage für die Ausstellung bildeten mehrjährige Forschungsarbeiten am Kunsthaus Zürich an 75 Originalgipsen Giacomettis. Die Ausstellung war chronologisch gestaltet, wenn auch die Art der Aufstellung der Werke viele Doppelwege beinhaltete, um dem chronologischen Aufbau zu folgen. Einstieg in die Ausstellung bildete sein Frühwerk als Jugendlicher, in den Kontext gesetzt zu Werken von seinem Vater. Zudem hätte man eine Dokumentation zum Forschungsprozess am Kunsthaus Zürich ansehen können. Leider gab es nur 4 Sitzplätze, um die ca. einstündige Dokumentation zu sehen, was eindeutig zu wenig war im Verhältnis zum Besucherinteresse.

In seinem Frühwerk übt er vor allem Köpfe zu formen und möglichst naturgetreue Porträts. Erst nachdem er in Paris mit kubistischen Plastiken in Kontakt kommt, sowie mit dem Surrealismus, ändern sich seine eigenen Werke. Er experimentiert mit sehr auf klare Formen reduzierten Figuren bzw. Skulpturen, wie man an der „Löffelfrau“ oder diesem Kopf sehen kann.

Während des Zweiten Weltkriegs wohnte er hauptsächlich in der Schweiz. Zu Beginn des Krieges begann er Miniaturskulpturen zu formen, die kaum größer als Streichholzschachteln waren, sodass er sie leicht verstecken konnte. Als er nach dem Krieg nach Paris zurückkehrt, entwickelt er erst jene ikonografischen langgestreckten Skulpturen. Dabei werden die Glieder immer langgestreckter, der ganze Korpus schmaler und die Oberfläche der Skulpturen bleibt rau und rissig. Bekannte Werke, die auch mein Bild von Giacometti geprägt haben, sind „Les Femmes de Venise“ (die Frauen von Venedig) et „L’homme qui marche“ (der Schreitende).

Für mich persönlich war vor allem seine surrealistische Phase eine Entdeckung. Mehr von Giacomettis Werk gibt es  in der Fondation Giacometti in Paris, im Kunsthaus Zürich, sowie in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel zu sehen.


Schweizer Entdeckungen II – das malerische Werk Strindbergs

Gebloggt am: 28.01.2017 von Corinna

Dass jeder Mensch meist mehrere Talente besitzt ist allgemein bekannt und akzeptiert. Dennoch prägen Schule und Medien durch ihren Diskurs bestimmte Bilder von bekannten Persönlichkeiten. Umso spannender ist es, wenn man scheinbar „bekannte“ Persönlichkeiten neu entdecken kann.

Die leider schon beendete Ausstellung „August Strindberg. De la mer au cosmos“ (Vom Meer bis zum Kosmos) im Lausanner Museum für Schöne Künste ließ mich den schwedischen Dramatiker August Strindberg (1849-1912) neu entdecken. Aus Schulzeiten war er mir bekannt als Autor naturalistischer Dramen wie „Der Vater“ und „Fräulein Julie“. Dass er jedoch neben seinem umfangreichen Prosawerk auch als Fotograf und Maler tätig war, war mir bisher nicht bewusst.

Strindberg nimmt zunächst Kunstunterricht an der Uppsala-Universität und malt in den frühen Jahren vor allem Landschaften. In den 1880 Jahren hingegen kann er nichts mit der bildenden Kunst anfangen, da er sie selbst als überflüssigen Luxus wahrnimmt. Erst als er 1892 auf der Insel Dalarö wohnt, beginnt er wieder das Meer und die Natur zu malen. Dabei changiert der Ausdruck der Gemälde von dunklen Sturmbildern hin zu sonnigen Darstellungen ruhiger Natur. Ein wiederkehrendes Sujet dieser Zeit ist eine einzelne Blume an einem einsamen Strand. 1892 stellt er auch zum ersten Mal in Schweden aus.

Neben der Malerei experimentiert er auch mit der Fotografie. Neben Porträts, in denen er sich selbst bewusst in verschiedenen Rollen inszeniert, versucht er darüber hinaus den Himmel auf Bilder zu fixieren. Da er auch an der Astronomie interessiert war, versucht er in den 1890ern Mond und Sterne mittels einer Kamera ohne Linse zu fotografieren. Im gleichen wissenschaftlichen Interesse beschäftigt er sich ab 1907 intensiv mit der Beobachtung von Wolken und versucht eine Regelmäßigkeit in der Form der Wolken abzuleiten am selben Standort, indem er die Wolken fotografiert.

Hauptmotive seines Bildwerks sind damit vor allem das Meer und Wolken in seinen verschiedenen Formen. Teils bereits sehr abstrakt bzw. fließend dargestellt in seinen Bildern, teils neuartig katalogisiert und auf Abzüge gebannt in seinem fotografischen Werk. Für mich war es eine wunderbare Entdeckung.

Einen kleinen Eindruck zu Strindbergs Werk gewinnt man hier.


Schweizer Entdeckungen – Paul Klee und die Surrealisten

Gebloggt am: 21.01.2017 von Corinna

Reisen bildet – diesem Leitmotiv bin ich gefolgt, als ich die Ausstellung „Paul Klee und die Surrealisten“ im Berner Paul – Klee-Zentrum besucht habe, da ich bisher mit ihm wenig verbunden habe.

Paul Klee, 1879 in der Nähe von Bern geboren, gilt heute als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Trotz der Spuren der verschiedenen Strömungen in seinem Werk, steht er relativ solitär in seinem Schaffen und Motivwelt. Die Ausstellung „Paul Klee und die Surrealisten“ beleuchtet dabei, wie die Surrealisten sich von Klees Werk und Kunstverständnis beeinflussen ließen.

Aufbau der Ausstellung

Die Ausstellung befindet sich in einem großen Saal, welcher durch Trennwände in viele kleine Kompartiments unterteilt ist, die unterschiedlichen Motiv- bzw. Themenkomplexen gewindet sind. Schade fand ich dabei, dass es keinen eindeutigen Hinweis gab, wo die Ausstellung anfing, sodass ich letztendlich die Ausstellung von hinten nach vorne besichtigt habe.

Denn startet man sogleich rechts des Eingangs, kann man in einem kurzen Videobeitrag einen ersten Einblick in die historische Verknüpfung zwischen Paul Klees Werk und der Rezeption desselben durch die Surrealisten bekommen. Zudem finden sich entlang der Wände Statements Künstler des Surrealismus in Bezug auf Klees Werk. Da ich mich für den Audioguide entschieden hatte, konnte ich jedoch trotz ‚falscher Richtung‘ in den einzelnen abgeteilten Räumen den Bezug herstellen zwischen Klees Werken und denen der übrigen ausgestellten Künstler. Beispiele dafür sind die Welt als Traum, imaginäre Pflanzenwelten, rätselhafte Porträts und Masken oder imaginäre Architekturen.
Paul Klees Werdegang und Einfluss auf das Werk der Surrealisten

Paul Klee, der seine künstlerische Ausbildung vor allem in München erhielt, war lange Zeit vor allem der Zeichnung zugeneigt und konnte lange mit der klassischen Malerei und der Farbkomposition wenig anfangen. Dies bedauerte er auch und versuchte durch viele Studien sich dem anzunähern, bis er dann am Weimarer Bauhaus als Lehrer für den Vorkurs eine Farbtheorie entwickelte, die sich auch in seinen Werken zeigt. Dennoch bleibt die Zeichnung, auch mittels Ölpause, Hauptbestandteil seines Werkes.

In der Berner Ausstellung wird leider nicht thematisiert, dass Paul Klee schon relativ früh durch das eigenhändige Anlegen eines Werkverzeichnisses und gezielte PR sich versucht hat als weltabgewandter, vergeistigter Künstler darzustellen. Der Berner Ausstellung ist bezeichnenderweise der von ihm geprägte Satz „Diesseits bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen“ vorangestellt. Es wird jedoch nirgends erwähnt, dass Paul Klee dieses Bild in der Presse bewusst versucht hat zu prägen von sich selbst. Er jedoch ein fast bürgerliches Leben führte, was kaum zu dem Stereotyp passen würde.

Nichtsdestotrotz ist diese Selbstkonzeption Klees Leitmotiv für die gesamte Ausstellung. Denn so erklärt es sich, dass er bewusst versucht hat wieder kindlich zu malen, was zu den teilweise in einer Art Wachtraum gemalten Bildern der Surrealisten passt. Auch die teilweise Auflösung jeglicher Perspektiven im Bild finden sich in bei einigen Surrealisten wieder. Insgesamt ist die hergestellte Verbindung zwischen den Surrealisten und Klees Werk gut gestaltet und ermöglich durch die thematische Anordnung auch einen neuen Blick auf die Werke von Künstlern wie Salvador Dali, Pablo Picasso, Max Ernst, Joan Miró, André Masson und René Magritte.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. März 2017 im Paul-Klee-Zentrum in Bern.

Einen ersten Eindruck in die Ausstellung gibt dieses Video.


“The Lobster” – absurdes Lieben in Perfektion

Gebloggt am: 12.07.2016 von Corinna

Yorgos Lanthimos neuer Film “The Lobster” ist verstörend wie faszinierend zugleich. Wer einen Film über Liebe sehen möchte, der nicht den klassischen Hollywooderzählstrang folgt, ist hier genau richtig.

Der Film “The Lobster” (Der Hummer) startet unvermittelt damit, dass eine Frau aus einem Auto steigt und einen von zwei grasenden Eseln erschießt und anschließend weiterfährt. Es gibt hierfür keine weitere Erklärung später im Film, gibt dem Zuschauer jedoch bereits einen Vorgeschmack auf die Grundstimmung des Films. (Wer den Film sehen möchte, sollte hier zu lesen aufhören.)

David (Colin Farrell) kommt in einem Hotel an, in dem Singles untereinander vermittelt werden. Jeder neuankommender Single hat 45 Tage Zeit einen Partner zu finden unter den anderen Hotelgästen. Damit jeder die gleichen Chancen hat, gibt es für jedes Geschlecht auch die gleiche Kleidung, vier Alltagsroben und eine Galaversion. Die Spielregeln sind klar: Schafft man es nicht innerhalb dieser 45 Tage einen Partner zu finden, wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt. Indem man jedoch “Loners” auf der Jagd erlegt, kann man diesen Tag hinausschieben. Die “Loners”, oder Alleingänger, sind diejenigen, die aus dem System ausgebrochen sind und bewusst allein leben wollen. Dafür müssen sie in Kauf nehmen, nur in den Wäldern eine Heimat zu haben und von den “normalen” Menschen im Hotel gejagt und verachtet zu werden.

Im Hotel werden Verstöße gegen die Spielregeln bzw. Moral geahndet: wer im Singlebereich wohnt, hat kein Recht auf Selbstbefriedigung oder Sex mit einem weiteren Single. Erst wenn man sich offiziell einen Partner ausgesucht hat und in den Paarbereich umziehen darf, hat man ein Recht darauf. Bis dahin erhalten die Singles Schießunterricht, um besser auf den Jagden zu sein und werden instruiert, wieso ein Single – Dasein nur negativ sein kein. Schafft man es und findet einen Partner der zu einem passt, was auf einer simplen Ähnlichkeit wie häufigen Nasenbluten beruhen kann, hat man weitere zwei Wochen Probezeit im Paarbereich. Dann kann man endlich in die Stadt zurück, wo jedoch auch peinlich genau öffentlich geprüft wird, ob man einen Partner hat mittels eines Zertifikats.

Als Zuschauer braucht man erst eine Weile bis man versteht, in welcher Welt man sich bewegt. Irritierend sind zum einen die kalten, blassen Farben, in denen der Film gefilmt ist und zum zweiten die Musik, die durch die Dissonanzen harmlose Szenen unangenehm machen. David fügt sich seinem Schicksal und versucht jemanden ähnlichen zu finden. Nachdem es relativ erfolglos ist, verlegt er sich auf das Taktieren, wie ein Freund von ihm. Dieser gibt vor auch häufig Nasenbluten zu haben, wie eine der jungen Frauen, um als Mensch zu überleben. David gibt vor keine Gefühle zu haben, genauso wie eine der Singlefrauen. Als diese jedoch im Paarbereich merkt, dass es sich um eine Lüge seitens David handelt, will sie ihn direkt zur Hotelmanagerin bringen. Mithilfe eines Zimmermädchens schafft er es sie jedoch in den Transformationsraum zu bringen, in dem sie in ein Tier verwandelt wird. David flieht in die Wälder und wird ein “Loner”.

Dort verliebt er sich in die Kurzsichtige (Rachel Weisz). Doch auch hier ist es strikt verboten jemanden anderen zu zu küssen oder zu lieben und wird vom Anführer der Gruppe (Lea Seydoux) mit Strafen geahndet. Dennoch beginnen David und die Kurzsichtige einen Code zu entwickeln, mit dem sie sich durch Gesten verabreden können zum Sex. Sporadisch machen die Anführerin mit einem Mann, sowie David und die Kurzsichtige einen Ausflug in die Stadt, wo sie die Eltern der Anführerin besuchen. Hier wird der Anführerin auch klar, dass sich David und die Kurzsichtige lieben. Daher macht sie dem ganzen auch Ende, in dem sie die Kurzsichtige unter dem Vorwand die Augen für besseres Sehen lasern zu lassen, blenden lässt. Dies geschieht kurz bevor die beiden aus den Wäldern in die Stadt fliehen wollen.

Doch das bringt die beiden nicht von ihrem Plan ab. Nach einigen Wochen fliehen sie in die Stadt. Da zuvor ihre Gemeinsamkeit in der Kurzsichtigkeit bestand, scheint David entschlossen, sich nun auch zu blenden, sodass sie beide blind sind. Da alle in dem Film sehr unterkühlt und ohne Emotion, fast puppenartig wirken, gibt diese Annäherung zwischen David und der Kurzsichtigen Hoffnung. Dennoch bleibt David mit seiner eigenen Blendung in der gleichen Logik der Hotelgäste: eine simple Gemeinsamkeit bildet die Basis für eine Beziehung.  Der scheinbare Ausbruch aus dem System, da sie obwohl sie Loner sind Gefühle für einen anderen Menschen hegen, bleibt unvollendet.

Am Ende bleibt man ratlos zurück: die einzelnen Versatzstücke ergeben kein kohärentes Gesamtbild. Einziger roter Faden:Das Verständnis von Beziehung ist absolut pervertiert und absurd. Man könnte den Film als Kritik an unserer Gesellschaft sehen, die nach wie vor das Leben in einer Partnerschaft als das erstrebenswerte hochhält. Auch wenn vielleicht an der Modernität des Konzepts der “Ehe” zweifeln mag, so ist doch die Mehrheit der Menschen auf der Suche nach einem Partner. Hotelzimmer werden günstiger als Doppelzimmer und in Restaurants sitzt man auch selten gerne allein. Nur Exzentriker und Mönche sind heute noch tatsächlich anerkannte Singles für immer. Dabei braucht es ja nach Lanthimos gar nicht viel für eine scheinbar funktionierende Partnerschaft: eine oberflächliche Gemeinsamkeit wie häufiges Nasenbluten reicht schon vollkommen aus, dass man in die Familienidylle eintreten kann. Klappt es nicht mehr so gut, erhält man ein Kind (im Film wie in der Realität), dass dann die Probleme verlagert und die Partnerschaft andauern lässt. Tiefergehende Liebe als Akzeptanz des Partners als Ganzes oder der bewussten Entscheidung scheint es nicht mehr zu geben. Man muss, nachdem eine Partnerschaft endet,  schnellst möglich wieder einen neuen Partner finden.

Wer also bereit ist, sich auf zwei Stunden Absurdität einzulassen, wird nicht enttäuscht mit diesem Film.


Arteducate – Hat er’s gemalt?

Gebloggt am: 17.03.2016 von Corinna

Zum Zeitvertreib bietet das Internet ein mannigfaches Angebot. Ein neues Spiel für Kunstliebhaber und Kunstinteressierte bietet Arteducate. Nach einer unkomplizierten Anmeldung (entweder als Neuregistrierung oder über Google/Twitter/Facebookaccount) kann man loslegen. Man kommt zunächst wieder auf die Startseite und muss dann oben rechts auf “Attribution” klicken.

Aus einer alphabetischen Liste Maler verschiedenster Epochen wählt man einen Künstler aus. Anschließend sieht der Spieler ein Bild und muss nur durch ein einfaches Klicken auf ein “Daumen-hoch”-Symbol bzw. “Daumen herunter”-Symbol entscheiden, ob das Bild vom ausgewählten Maler stammt oder nicht. Nach einer Reihe von bewerteten Bildern zeigt ein Prozentsatz an, wie viele Bilder man richtig zugeordnet hat. Zudem wird in einem Kreisdiagramm angezeigt, welche Bilder man richtig zugeordnet hat bzw. welche falsch.

Zum Zeitvertreib ist es gut geeignet, noch dazu hilft es der Forschung am Kunstinstitut der LMU, wie vergleichendes Sehen tatsächlich funktioniert. Da sich das Spiel erst noch in der Alpha-Phase befindet, gibt es selbstverständlich noch manches zu verbessern. So könnte man nach dem Einloggen sofort auf die Spielseite weitergeleitet werden ohne erst nach dem Feld “Attribution” suchen zu müssen. Leider werden auch nicht jeweils die Bilder mit Urhebernamen angezeigt, sondern nur die Namen der Künstler der vorher gezeigten Bilder. So lässt sich das Spiel sozusagen nur sinnvoll in eine Richtung spielen – “ich kenne diesen Künstler und kann Bilder zuordnen” und ein “ich kenne diesen Künstler noch nicht, möchte aber ihn kennenlernen über dieses Spiel” ist leider nicht möglich.

Wem dieses Spiel zu langweilig ist, dem sei nach wie vor ARTigo empfohlen, bei dem es mittlerweile auch noch mehr Varianten als in der Anfangsphase gibt.


Seriesjunkie: Boradchurch 1 und 2

Gebloggt am: 10.11.2015 von Lisseuse

Mir fiel beim Stöbern auf, dass ich  ja schon richtig lange nichts mehr über irgendwelche Serien geschrieben habe. – Das bedeutet übrigens keinesfalls, dass ich nicht immer noch dauernd welche gucke. Meine letzte Zugfahrt nach Hause zu meinen Eltern habe ich beispielsweise damit verbracht die zweite Staffel von Broadchurch zu gucken.

Da ich bekennender Doctor Who Fan bin und besonders David Tennant als den 10. Doctor liebe, habe ich irgendwann angefangen, quasi alles zu gucken, was ich mit ihm finden konnte. (Keine Ahnung von Doctor Who? Bitte hier lang zu Wikipedia. Neugierig geworden? Mit den 2005er Folgen anfangen und die ersten beiden Episoden im Fernsehen doch sehr ungewohnter Erzählweise durchhalten. Nach der ersten Staffel weinen, die erste Folge der zweiten Staffel erst hassen und dann um so mehr lieben!)

Genau so kam ich auch auf Broadchurch. Dabei handelt es sich um eine der wundervollen englischen Mini-Series. Bei Broadchurch handelt es sich um eine der Serien, die zwischen den Genres angesiedelt sind. Broadchurch beginnt wie ein Krimi mit einem Mord. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit zur Aufklärung des Falls nimmt auch einen wichtigen Teil der ersten Staffel ein. Die beiden Detectives Ellie Miller (Olivia Colman) und Alec Hardy (David Tennant) suchen den Mörder eines kleinen Jungen, Danny Latimer. Daneben zeigt die Serie aber auch, was der Mord an Danny mit der Gemeinschaft in der Kleinstadt macht und wie er das soziale Beziehungsgefüge zerstört. Es wird der Medienrummel nach dem Mord ebenso gezeigt, wie die Verzweiflung der Eltern Beth (Jodie Whittaker) und Mark (Andrew Buchan).

Der Spannungsbogen wird geschickt über die acht Episoden gezogen. Immer wieder tauchen neue Verdächtige auf. Immer wieder führt ein neuer Verdacht dazu, dass eine weitere Beziehung einen Vertrauensbruch erleidet. Die Cliffhanger am Ende jeder Folge führen dazu, dass man unbedingt weiter gucken möchte. Es handelt sich definitiv um Binge-Watching-Material.

Glücklicher Weise gibt es schon eine zweite Staffel zu Broadchurch. Diese zeigt nicht einfach einen neuen Fall, sondern führt weiter, was schon in der ersten Staffel begonnen wurde: Zu zeigen, wie der Mord an einem Jungen die Verhältnisse in einer Stadt verändert. Dabei greift die Staffel alte Fäden aus der ersten Staffel auf. So wird ein weiterer Mordfall, an dem Alec Hardy arbeitete, bevor er nach Broadchurch kam, in den Fokus gerückt. Entsprechend gibt es zwei Handlungsstränge. Zum einen ist das die Gerichtsverhandlung um den Mörder von Danny. Zum anderen sind es eben die wieder aufgerollten Ermittlungsarbeiten am anderen Mordfall. Dieser kontrastierte schon in der ersten Staffel die Ermittlungsarbeiten. Nun bildet er eine Folie für die Gerichtsverhandlung.

Das tolle an der zweiten Staffel ist, dass sie völlig entgegen meiner Erwartungen nicht einen neuen Fall aufmacht – wie das bei anderen Krimiserien so ist – sondern genau da weiter erzählt, wo die erste Staffel abgebrochen hat. Außerdem führt sie fort, was schon in der ersten Staffel auffällig war: Die Serie wird vor allem von den starken Frauenfiguren getragen. In der ersten Staffel sind das vor allem Olivia Colman als Elli und Jodie Whittaker als Beth. Jetzt kommt noch Charlotte Rampling als Anwältin Jocelyn Knight dazu. Das besonders faszinierende ist, dass in Broadchurch ganz selbstverständlich sehr unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe und Charaktere gezeigt werden. Alle Frauen sind völlig normal. Gleichzeitig sind sie aber sehr unterschiedlich in ihrem Charakter, ihren Fähigkeiten und ihrer Lebensweise. Davon braucht das Fernsehen dringend mehr.

Außerdem kann man in Broadchurch natürlich David Tennant dabei zusehen brilliant zu sein. Aber das braucht fast keine Erwähnung.

Wie soll ich sagen: Broadchurch kann man ziemlich gut (noch mal) gucken. Es ist spannend, unterhaltend und vielfältig. Und wie ich gerade gesehen habe, ist für nächstes Jahr auch schon die dritte Staffel angekündigt. *freu*


Buddenbrook-Haus Lübeck

Gebloggt am: 04.09.2015 von Lisseuse

Das Museum ist so enttäuschend, dass ich kein einziges Foto gemacht habe. Das fängt damit an, dass das Haus leider schon von außen viel kleiner ist, als ich es mir vorgestellt habe. Im Eingang steht dann eine lebensgroße Figur von Thomas Mann, die ausgerechnet knallpink ist. Ich meine KNALL PINK. Thomas Mann. Man kommt dann zur Kasse, die gleichzeitig der Museumsshop ist. Dort habe ich sehr vermisst, dass die große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann nicht wenigstens in einem Exemplar vorhanden war. Natürlich ist die super teuer und kaum einer wird sie kaufen, aber warum sollte man irgendwas von Thomas Mann ohne Kommentar lesen wollen? Bildungsauftrag!

Im Erdgeschoss ist ein riesiger Raum, in dem die Familiengeschichte der Manns erzählt wird. Dazu gibt es vor allem Texte. Ein paar Fotos, Briefe, Bücher. In der Mitte eine Hörstation und an einer Stelle ein Film. Ansonsten aber Flachware. Der Raum ist nur interessant, wenn man sich noch NIE mit den Manns beschäftigt hat. Aber eine Mann-Biographie von Inge und Walter Jens ist informativer und spannender. Die beiden können nämlich gut schreiben.

Im ersten Stock ist ein Raum für die Sonderausstellung. Dort ist kein Licht angemacht, alle Installationen der Ausstellung haben nicht funktioniert, als wir da waren. Es sah aus, als könne man zwei Filme ansehen. Und ansonsten gibt es die Möglichkeit sich ein eigenes “Buch” mit Meertexten zu basteln, indem man einen Schnellhefter nimmt und sich einzelne Blätter mit Texten von der Wand nimmt. LANGWEILIG. Und ich lese eigentlich wirklich gerne. Aber soo langweilig.

Im zweiten Stock schließlich die Buddenbrook-Ausstellung. Dort sind das “Landschaftszimmer” und der Speisesaal nachgebaut. Aber auch hier: Thomas Manns Beschreibungen und die Nachgestaltung – was für ein trauriger Unterschied. Alles wirkt plötzlich viel kleiner und weniger reich als im Roman. Außerdem wirken die Räume irgendwie seltsam unbelebt und tot. Vermutlich vor allem deshalb, weil alle Möbel abgedeckt sind, als wären die Buddenbrooks gerade auf einer längeren Reise. Am spannendsten sind noch Zettelchen in den Räumen, die auf verschiedene Stellen des Romans verweisen. Ansonsten wird das Stockwerk vor allem von einer riesigen Bibliothek eingenommen, die man als normaler Besucher aber noch nicht mal betreten darf. Es gibt eine coole Station an der man verschiedene Film-Versionen des Romans vergleichen kann, die eingesetzte Technik ist allerdings leider ziemlich veraltet und nicht gerade selbsterklärend. An mehreren Steelen gibt es außerdem Hintergrundinformationen zu den Buddenbrooks. Aber wieder wird hauptsächlich Text gezeigt und ausgestellt.

Insgesamt hatte ich bei meinem Besuch den starken Eindruck, dass das Museum viele Chancen nicht nutzt. Meins Wissens ist das Buddenbrookhaus, das einzige Literaturmuseum in Deutschland, das einen Roman zum Gegenstand hat und nicht einen Autor. Leider kommt das nicht so sehr zur Geltung, wie es sollte. Zudem handelt es sich bei den Buddenbrooks auch noch um einen Roman, der mit äußerstem Detail die verschiedenen Räume, Orte und Personen beschreibt. Mit etwas Kreativität sollten doch passende Möbel, Kleidungsstücke, Dekoration, Geschirr, Bücher… zu beschaffen sein, die zeigen, wie die Buddenbrooks so leben. Mir steht die Familie viel zu wenig im Mittelpunkt. Die einzelnen Figuren werden nicht erklärt. Man könnte doch so einfach so tun, als wären die Buddenbrooks eine “reale” Familie. Und hätte viel weniger Probleme damit, dass die Museen immer nur eine Geschichte erzählen können, auch über reale Menschen. Denn man könnte einfach eine Geschichte nacherzählen. So viele typische Legitimationsprobleme für ein Museum wären nicht gegeben, wenn man einfach ein echtes Literaturmuseum machen würde und den Roman ausstellte!

Da das Museum bis 2018 renoviert werden soll, hoffe ich sehr, dass dann der Schwerpunkt stärker auf die Familie Buddenbrook gesetzt wird.


Vollgas

Gebloggt am: 12.08.2015 von Lisseuse

Das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim ist für mich einer der Orte, die ich mit ganz starken Kindheitserinnerungen verbinde. Wir waren oft dort, hatten zwischenzeitlich auch mal eine Jahreskarte. Ich kann mich an heiße Sommertage zwischen den Feldern und Fachwerkäusern des Museums erinnern, an Apfelschnitze aus Tupperdosen und gutes fränkisches Bauernbrot und an die Geschichten, die über das Leben in den Häusern erzählt wurden.

Inzwischen hat das Museum ein umfassendes Marketingkonzept, das ein ganzjähriges Unterhaltungsprogramm einschließt. Dazu gehört beispielsweise auch, dass in den Sommermonaten ein Freilichttheaterstück aufgefürt wird.

Die "Bühne" des Theaterstücks "Vollgas" im Freilandmuseum Bad Windsheim

Die “Bühne” des Theaterstücks “Vollgas” im Freilandmuseum Bad Windsheim

Dieses Jahr wird das Stück “Vollgas” gespielt. Das Stück dreht sich nicht nur, um zwei Bankräuber und ihre Geisel, die versuchen dem Stau auf der Autobahn zu entkommen, indem sie über die Dörfer fahren, sondern auch um die vielen anderen Autofahrer, die so dem Urlaubsverkehr entgehen wollen und im Dorf Schaffenrath steckenbleiben, weil dort die einzige Brücke zerstört ist. In der Folge verkeilen sich die 16 Fahrzeuge bis keiner mehr vor oder zurück kann. Die  Haupthandlung bildet die Geschichte der Bankräuber und ihr Versuch zu entkommen, die Geisel Angelika irgendwie unauffällig los zu werden und nicht vom Obergangster Franz Xaver Kiesgruber (der einzige Bayer unter all den Franken!) oder der Polizei geschnappt zu werden. Daneben dürfen aber auch alle anderen im Stau steckenden ihre Geschichte spielen: Ein Ehepaar, das sich über dem neugeborenen Kind fremd geworden ist, ein Schauspieler mit Sinnkrise und sinkendem Stern, eine Psychotherapeutin auf der Suche nach Patienten, drei Teenager auf dem Weg zu einem Rockkonzert, die Pazifistin Hanne, die sich prompt in den Pfarrer des Örtchens verliebt. Sie alle treffen nicht nur auf den Pfarrer, sondern auch die etwas einfältige Bäuerin Andrea Sorg und das Bürgermeisterehepaar.

Autos im "Stau" bilden die Kulisse für "Vollgas"

Autos im “Stau” bilden die Kulisse für “Vollgas”

Die Autos blockieren den Hof der Bäuerin Andrea Sorg

Die Autos blockieren den Hof der Bäuerin Andrea Sorg

Das Stück wirkt ein wenig, wie ein “Roadmovie”, der sich durch die fehlende Bewegung auszeichnet, denn alle stehen im Stau. Leider dürfen sich auch die Figuren während der zweieinhalb Stunden des Stücks nicht so richtig weiterentwickeln, am Ende sind eigentlich alle die Selben und alles bleibt beim alten. Die Entwicklung ist nur eine Scheinbare: Die Ganoven werden nicht geläutert, der Pfarrer bleibt  weiterhin etwas bigott, egal wie sehr die Hippie-Frau versucht, ihn für höhere Ziele zu begeistern. Die einzige Ausnahme ist vieleicht die Bäuerin Andrea Sorg auf deren Hof alle stranden und das Paar Florian und Veronika Gerber, die am Ende zu einer glücklicheren Beziehung zurückgefunden haben.

Die fehlende Figurenentwicklung ist aber vielleicht auch einfach der Tatsache geschuldet, dass die meisten Figuren nie ordentlich eingefürt werden und deshalb bis ans Ende des Stücks  blass bleiben. Bei über 40 Personen ist das nicht wirklich verwunderlich, schade bleibt es dennoch, denn die schauspielerische Leistungen sind eigentlich überzeugend. Durch die fehlende Einführung aber zieht sich gerade die erste Hälfte des Stückes ziemlich. Durch die vielen Figuren wird dem Stück aber etwas anderes möglich: Es werden parallel laufende Nebenhandlungen möglich, bei denen auch die Figuren Handlung weiterspielen, die gerade nicht im Fokus stehen.

Dass diese Idee nicht im Chaos mündet, sondern eine wohlgeordnete Vielfalt und einen ungeheuren Reichtum an Charakteren und Beziehungen bietet, ist das Verdienst der Regisseurin Gerburg Maria Müller […]. (So das Programmheft)

Möglich wird dies aber auch durch den Ort. Gespielt wird unter freiem Himmel, das Publikum sitzt auf Stadionstühlen auf zwei Rängen und blickt auf ein fränkisches Bauernhaus, das in einer Wegkurve liegt und die Kulisse bildet. So kann man mit einem Ohr der Haupthandlung zuhören und sich ansonsten auf die liebevoll inszenierten Details der

Für mehr Abwechslung sorgen verschiedene Liedeinlagen, die bekannte Songs der 80er Jahre zitieren und umdichten. Ein paar der Stücke wurden auf vimeo hochgeladen. An diesen zeigt sich vor allem die vielseitige Begabung einiger Schauspieler, die nicht nur singen, sondern auch die Band unterstützen.  Dabei ist die Band leidetr nur sehr vage in die Handlung des Stücks eingebunden, obwohl manche Schauspieler ständig zwischen Bühne und Band wechseln müssen, was sich negativ auf ihre Präsenz im Stück auswirkt.

Das Stück, das gute Unterhaltung für einen lauen Sommerabend im Freien bietet, ist noch bis 15. August zu sehen.


Wie Tumblr eine Serie schrieb

Gebloggt am: 13.05.2014 von Lisseuse

Ich bin Fan. Was lag also für mich näher als in der Vorlesung „Vom Märchenleser zum Serienjunkie“ eine Arbeit über Fans zu schreiben. Dort kam auch noch Sherlock ins Spiel und die Rede darauf, wie (besonders durch das Internet) Fans nicht mehr nur Medienkonsumenten, nicht mehr nur Mediennutzer sondern “Produser” werden, also in das Zwischenfeld zwischen der Nutzung von medialen Inhalten und einem eigenen Beitrag dazu eintreten. Was im Internet in den zwei Jahren zwischen der Ausstrahlung der zweiten und dritten Staffel von Sherlock passierte, fällt meiner Meinung nach genau in dieses Feld: Die Fans füllen Foren, Websiten und Blogs mit Theorien und Wissen zur Frage „Wie überlebt Sherlock“. Da sie dabei so gründlich vorgehen, dass keine Sekunde der Folge S02E03 unanalysiert bleibt, gibt es zwangsläufig eine Rückwirkung auf die folgende Episode. Die Autoren können nicht an den Theorien der Fans vorbei.
Für den theoretischen Hintergrund habe ich mich mit der Frage vom Zusammenhang von Serialität und Alltagskultur, der Rolle von Fans für solche Serien und dem Konzept von “Produsage” auseinander gesetzt.

Als Quelle für die Aktivitiäten der Fans benutzte ich vornehmlich ein Forum, in dem die Fans wiederum auf viele andere Seiten verlinken. Darüber hinaus habe ich mich natürlich in den Weiten des Internets verloren und stundenlang Video-Material zur Serie geguckt, auf das ich in meiner Analyse aber nur am Rande eingehe. Im Forum nutzen die Fans verschiedene Threads, um ihre Theorien und Fragen zur Serie zu diskutieren, miteinander zu argumentieren und versuchen auf eine Lösung zu kommen. Die Analysen von #SherlockNotDead sind vielfältig und mit unglaublichem Enthusiasmus und enormer Ausdauer verfasst.

Zum Schluss werde ich zeigen, welche Rückwirkungen die Theorien der Fans auf die erste Folge der dritten Staffel hat, von der die Fans erwartet haben, dass sie die Frage nach dem Überleben Sherlocks klärt.

Die Fanseite sherlock.broadhost ist ein gutes Beispiel um “produsage” von Fans zu beobachten. Jeder Diskussionsteilnehmer kann dort gleichberechtigt seine Ideen und Theorien vorstellen und trägt somit dazu bei dem gemeinsamen Ziel, herauszufinden wie Sherlock es schafft zu überleben, näher zu kommen. Im Prozess der Wissensproduktion evaluieren und kritisieren sich die Fans gegenseitig und verbessern so ihre Theorien, decken Fehler auf und gleichen Meinungen ab. Tendenziell ist die Diskussion dabei ohne Abschluss. Für Forschungsfragen, die zu beantworten schwierig wird, wenn sich das Feld ständig im Wandel befindet, ist aber gerade interessant, dass durch die Definitionsmacht der Serien-Produzenten dennoch eine endgültige Version existieren kann. Während in den frühen Folgen von Sherlock anderer Forschung zufolge kein „folding text“ stattfindet, wirkt sich die “produsage” der Fans nach der zweiten Staffel auf die Weitererzählung in der folgenden aus. Dies muss schon zwangsläufig der Fall sein, weil die von den Fans produzierten Ideen so vielfältig sind, dass es keine weiteren Möglichkeiten gibt, wie Sherlocks Überleben erzählt werden könnte, die noch nicht irgendwo aufgegriffen wurden. Folglich bleibt den Autoren wenig anderes übrig, als kreativ mit den schon veröffentlichten Ideen der Fans umzugehen. Dabei behandeln Stephen Moffat und Mark Gatiss die Fans allerdings manchmal etwas von oben herab, insbesondere wenn sie die Spekulationen der Fans an die unsympathisch gezeichnete Figur von Anderson binden, die innerhalb der Serie auch noch für Sherlocks Tod mitverantwortlich gemacht wird.